Wohl fühl ich, wie das Leben rinnt
1843Wohl fühl ich, wie das Leben rinnt, Und daß ich endlich scheiden muß, Daß endlich doch das letzte Lied Und endlich kommt der letzte Kuß.
Noch häng ich fest an deinem Mund In schmerzlich bangender Begier; Du gibst der Jugend letzten Kuß, Die letzte Rose gibst du mir.
Du schenkst aus jenem Zauberkelch Den letzten goldnen Trunk mir ein; Du bist aus jener Märchenwelt Mein allerletzter Abendschein.
Am Himmel steht der letzte Stern, O halte nicht dein Herz zurück; Zu deinen Füßen sink ich hin, O fühl′s, du bist mein letztes Glück!
Laß einmal noch durch meine Brust Des vollsten Lebens Schauer wehn, Eh seufzend in die große Nacht Auch meine Sterne untergehn.
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Interpretation
Das Gedicht "Wohl fühl ich, wie das Leben rinnt" von Theodor Storm handelt von der Endlichkeit des Lebens und der Sehnsucht nach dem letzten Glück. Der Sprecher fühlt, wie das Leben unaufhaltsam verrinnt und er sich am Ende seines Lebens befindet. Er ahnt, dass das letzte Lied gesungen und der letzte Kuss gegeben sein wird. Doch noch hängt er voller Sehnsucht an dem Mund seines Geliebten und sehnt sich nach dem letzten Kuss der Jugend und der letzten Rose. Die Geliebte schenkt ihm aus einem Zauberkelch den letzten Trunk und ist wie ein Abendschein aus einer Märchenwelt, der dem Sprecher als allerletztes verbleibt. Er fleht sie an, ihr Herz nicht zurückzuhalten, da er zu ihren Füßen sinkt und sie sein letztes Glück ist. Er möchte noch einmal den vollen Schauer des Lebens durch seine Brust rauschen spüren, bevor auch seine Sterne seufzend in die große Nacht sinken.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Wiederholung von 's' in 'scheiden', 'sich', 'sang' und 'schauer' erzeugt einen weichen Klang.
- Anapher
- Der Gebrauch von 'endlich' und 'letzte' in den ersten beiden Strophen betont die Endlichkeit des Lebens und der Liebe.
- Apostrophe
- Die direkte Ansprache an 'du' in den Strophen 2-5 zeigt eine emotionale Verbindung.
- Bildsprache
- Der 'Abendschein' und der 'letzte Stern' schaffen eine visuelle Darstellung des Endes.
- Enjambement
- Der Übergang von einer Zeile zur nächsten ohne Pause verstärkt den Fluss und die Kontinuität des Gedichts.
- Hyperbel
- Die Übertreibung in 'des vollsten Lebens Schauer' verstärkt das Gefühl der Intensität.
- Kontrast
- Der Gegensatz zwischen 'letzte Rose' und 'letzter Abendschein' hebt die Vielfalt der Endlichkeit hervor.
- Metapher
- Das Leben wird als fließendes Wasser dargestellt ('wie das Leben rinnt').
- Personifikation
- Die Rose wird als 'letzte' bezeichnet, was ihr menschliche Qualitäten verleiht.
- Symbolik
- Der 'Zauberkelch' und der 'goldne Trunk' symbolisieren die Magie und den Wert der letzten Momente.