Wohin so flink, du junges Kind?...

Friedrich Hebbel

1863

»Wohin so flink, du junges Kind?« Ich trage Geld ins Städtchen! »Da weiß ich einen viel nähern Weg, Den führ′ ich dich, o Mädchen.«

Sie folgt ihm in den dicken Wald; Hier ist es kühl zu gehen, Doch dürstet mich, wenn ich nur Wasser hätt′! »Gleich wirst du Wasser sehen!«

Nun wird′s ja aber grausam wild, Man kann nicht von der Stelle. »Da ist auch nur ein Seitenpfad, Doch bringt er uns zur Quelle.«

Hinauf, hinab und wieder hinauf, Durch Stein- und Holzgerümpel! Da kommt ein Abhang jäh und steil, Und drunten steht ein Tümpel.

»Nun gib dein Geld und schlag das Kreuz, Denn heute mußt du sterben!« So laß doch nur das Leben mir! »Das würde mich selbst verderben!«

»Nun zieh auch deine Kleider aus, Die brauchst du nicht im Sumpfe.« Sie legt sie ab, da liegen sie Schon auf dem Eichenstumpfe. Denn Leinen ist jetzt teuer!« Sie ist so bleich wie frischer Schnee, Nun wird sie rot, wie Feuer.

Doch plötzlich zuckt′s ihr durchs Gesicht, Da greift sie in die Locken, Und zieht zwei Ringelein hervor Mit roten Korallenglocken.

»Für diese Ringe dank′ ich dir, Die waren mir verloren, Das lange Haar verhüllt dir ganz Die kleinen feinen Ohren.

Doch auch das Hemd begehr′ ich noch, Da hilft kein Schämen und Grämen, Und wenn du jetzt nicht eilig machst, So muß ich selbst mir′s nehmen.«

So tu mir denn nur eins zulieb, Dich etwas umzukehren! Ich springe auch von selbst hinab, Hältst du mich so in Ehren.

Er nickt und tut′s und zählt das Geld, Da kreischen drunten die Raben, Er bückt sich über den Rand und spricht: »Was mögen die dort haben!«

Sie blickt sich eben um nach ihm, Ob er auch Wort gehalten, Und als sie ihn so stehen sieht, Da scheint ihr Gott zu walten.

Sie rafft sich auf mit aller Kraft Und stößt ihn in den Rücken, Er taumelt hinunter, und nicht einmal Sein letzter Fluch will glücken!

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Illustration zu Wohin so flink, du junges Kind?...

Interpretation

Das Gedicht "Wohin so flink, du junges Kind?" von Friedrich Hebbel handelt von einem Mädchen, das von einem Fremden in den Wald gelockt wird, um ausgeraubt und ermordet zu werden. Der Mann bietet ihr einen kürzeren Weg ins Städtchen an, da sie Geld dabei hat. Im Wald wird er zudringlich und fordert sie auf, ihr Geld und ihre Kleidung herauszugeben. Das Mädchen ist verängstigt und wehrlos. Doch als der Mann ihr droht, in den Sumpf zu springen, wenn sie nicht gehorcht, fasst sie einen kühnen Entschluss. Sie bietet ihm ihre Haarschmuckringe als Bezahlung an und bittet ihn, sich umzudrehen, während sie selbst in den Tümpel springt. Der Mann ist einverstanden und zählt inzwischen das Geld. Doch plötzlich hört er Raben kreischen und beugt sich über den Rand, um nachzusehen. In diesem Moment packt das Mädchen all ihre Kraft und stößt ihn den Abhang hinunter in den Sumpf. So kann sie sich in letzter Sekunde vor dem sicheren Tod retten. Das Gedicht thematisiert die Gefahr, der junge Mädchen durch skrupellose Männer ausgesetzt sind. Es zeigt aber auch den Mut und die Cleverness des Mädchens, das sich mit List und Entschlossenheit aus der ausweglosen Situation befreit. Die dramatische Handlung wird durch den Wechsel von Dialog und Erzählung sowie durch spannungsvolle Naturbilder intensiviert.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
»Wohin so flink, du junges Kind?« Ich trage Geld ins Städtchen! »Da weiß ich einen viel näheren Weg, Den führ′ ich dich, o Mädchen.«
Bildsprache
Sie folgt ihm in den dicken Wald; Hier ist es kühl zu gehen, Doch dürstet mich, wenn ich nur Wasser hätt′! »Gleich wirst du Wasser sehen!«
Kontrast
Sie ist so bleich wie frischer Schnee, Nun wird sie rot, wie Feuer.
Metapher
Sie rafft sich auf mit aller Kraft
Personifikation
Da kreischen drunten die Raben
Wiederholung
Hinauf, hinab und wieder hinauf