Wohin ich geh′ und schaue

Joseph von Eichendorff

1857

Wohin ich geh′ und schaue, In Feld und Wald und Tal, Vom Berg hinab in die Aue; Viel schöne, hohe Fraue, Grüß ich dich tausendmal.

In meinem Garten find′ ich Viel′ Blumen schön und fein, Viel′ Kränze wohl draus wind′ ich Und tausend Gedanken bind′ ich Und Grüße mit darein.

Ihr darf ich keinen reichen, Sie ist zu hoch und schön, Die müssen alle verbleichen, Die Liebe nur ohnegleichen Bleibt ewig im Herzen stehn.

Ich schein′ wohl froher Dinge Und schaffe auf und ab, Und, ob das Herz zerspringe, Ich grabe fort und singe, Und grab mir bald mein Grab.

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Illustration zu Wohin ich geh′ und schaue

Interpretation

Das Gedicht "Wohin ich geh' und schaue" von Joseph von Eichendorff beschreibt die tiefe Verehrung und unerfüllte Liebe des lyrischen Ichs zu einer Frau, die als "schöne, hohe Fraue" bezeichnet wird. Die Liebe ist so stark, dass sie den Sprecher in seiner Wahrnehmung der Natur begleitet. Überall, wo er hinschaut – im Feld, im Wald, im Tal oder von den Bergen hinab in die Ebene – grüßt er sie tausendmal. Die Natur wird zum Spiegel seiner inneren Empfindungen, und die Frau ist allgegenwärtig in seinen Gedanken. Im zweiten Teil des Gedichts verarbeitet der Sprecher seine Gefühle durch das Pflücken von Blumen und das Binden von Kränzen, die er mit tausend Gedanken und Grüßen an die Geliebte schmückt. Doch diese Blumen und Kränze sind für sie unerreichbar, da sie "zu hoch und schön" ist. Die Vergänglichkeit der Blumen symbolisiert die Unmöglichkeit, die Liebe in die Realität umzusetzen. Nur die Liebe selbst, "ohnegleichen", bleibt ewig im Herzen des Sprechers bestehen, unberührt von der Vergänglichkeit der Welt. Im letzten Teil des Gedichts zeigt sich eine tiefe Melancholie und Resignation. Obwohl der Sprecher nach außen hin fröhlich und beschäftigt wirkt, zerbricht sein Herz innerlich an der unerfüllten Liebe. Er gräbt und singt, als ob er an seiner eigenen Existenz arbeite, bis er sich schließlich sein eigenes Grab gräbt. Dieses Grab symbolisiert das Ende seines Lebens, das von der unerfüllten Liebe geprägt war. Das Gedicht endet mit einer düsteren Ahnung des Todes, der als Erlösung aus der emotionalen Qual erscheint.

Schlüsselwörter

viel schön grab wohin geh schaue feld wald

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Stilmittel

Anapher
Wohin ich geh′ und schaue, / In Feld und Wald und Tal, / Vom Berg hinab in die Aue;
Hyperbel
Grüß ich dich tausendmal
Kontrast
Ich schein′ wohl froher Dinge / Und schaffe auf und ab, / Und, ob das Herz zerspringe, / Ich grabe fort und singe, / Und grab mir bald mein Grab
Metapher
Viel schöne, hohe Fraue
Personifikation
Die Liebe nur ohnegleichen / Bleibt ewig im Herzen stehn