Wo treues Wollen, redlich Streben...
1815Wo treues Wollen, redlich Streben Und rechten Sinn der Rechte spürt, Das muß die Seele ihm erheben, Das hat mich jedesmal gerührt.
Das Reich des Glaubens ist geendet, Zerstört die alte Herrlichkeit, Die Schönheit weinend abgewendet, So gnadenlos ist unsre Zeit.
O Einfalt gut in frommen Herzen, Du züchtig schöne Gottesbraut! Dich schlugen sie mit frechen Scherzen, Weil dir vor ihrer Klugheit graut.
Wo findst du nun ein Haus, vertrieben, Wo man dir deine Wunder läßt, Das treue Tun, das schöne Lieben, Des Lebens fromm vergnüglich Fest?
Wo findst du deinen alten Garten, Dein Spielzeug, wunderbares Kind, Der Sterne heilge Redensarten, Das Morgenrot, den frischen Wind?
Wie hat die Sonne schön geschienen! Nun ist so alt und schwach die Zeit, Wie stehst so jung du unter ihnen, Wie wird mein Herz mir stark und weit!
Der Dichter kann nicht mit verarmen; Wenn alles um ihn her zerfällt, Hebt ihn ein göttliches Erbarmen, Der Dichter ist das Herz der Welt.
Den blöden Willen aller Wesen, Im Irdischen des Herren Spur, Soll er durch Liebeskraft erlösen, Der schöne Liebling der Natur.
Drum hat ihm Gott das Wort gegeben, Das kühn das Dunkelste benennt, Den frommen Ernst im reichen Leben, Die Freudigkeit, die keiner kennt.
Da soll er singen frei auf Erden, In Lust und Not auf Gott vertraun, Daß alle Herzen freier werden, Eratmend in die Klänge schaun.
Der Ehre sei er recht zum Horte, Der Schande leucht′ er ins Gesicht! Viel Wunderkraft ist in dem Worte, Das hell aus reinem Herzen bricht.
Vor Eitelkeit soll er vor allen Streng hüten sein unschuldges Herz, Im Falschen nimmer sich gefallen, Um eitel Witz und blanken Scherz.
O laßt unedle Mühe fahren, O klingelt, gleißt und spielet nicht Mit Licht und Gnad, so ihr erfahren, Zur Sünde macht ihr das Gedicht!
Den lieben Gott laß in dir walten, Aus frischer Brust nur treulich sing! Was wahr in dir, wird sich gestalten, Das andre ist erbärmlich Ding. -
Den Morgen seh ich ferne scheinen, Die Ströme ziehn im grünen Grund, Mir ist so wohl! - die′s ehrlich meinen, Die grüß ich all aus Herzensgrund!
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Interpretation
Das Gedicht "Wo treues Wollen, redlich Streben..." von Joseph von Eichendorff ist ein tiefgründiges und vielschichtiges Werk, das die Rolle des Dichters in der Gesellschaft thematisiert. Es beginnt mit einer Betrachtung über das Streben nach Gerechtigkeit und Wahrheit, das die Seele erhebt. Der Autor beklagt dann den Verlust des Glaubens und der alten Herrlichkeit, die der gnadenlosen Zeit zum Opfer gefallen sind. Im weiteren Verlauf des Gedichts wird die Einfalt und Frömmigkeit als Opfer der modernen, klugen Welt dargestellt. Der Dichter fragt sich, wo er noch einen Ort finden kann, an dem er seiner Kunst nachgehen und die Wunder des Lebens feiern kann. Er sehnt sich nach der Schönheit der Natur und der Unschuld der Kindheit. Der zweite Teil des Gedichts widmet sich der besonderen Rolle des Dichters. Trotz des Verfalls der Welt wird der Dichter durch göttliches Erbarmen erhoben und zum "Herzen der Welt" gemacht. Er hat die Aufgabe, den blinden Willen aller Wesen durch die Kraft der Liebe zu erlösen und die verborgensten Geheimnisse in Worte zu fassen. Der Dichter soll frei singen, in Freude und Leid auf Gott vertrauen und alle Herzen befreien. Abschließend warnt Eichendorff vor Eitelkeit und falschem Witz. Der Dichter soll sich vor allem von Gott leiten lassen und aus der Tiefe seiner Seele aufrichtig singen. Nur das, was wahr und echt ist, wird Bestand haben. Das Gedicht endet mit einer optimistischen Note, in der der Dichter einen fernen Morgen leuchten sieht und sich mit allen verbunden fühlt, die es ehrlich meinen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- treues Wollen, redlich Streben
- Anapher
- Wo findst du
- Apostrophe
- O Einfalt gut in frommen Herzen
- Bildlichkeit
- Den Morgen seh ich ferne scheinen, Die Ströme ziehen im grünen Grund
- Hyperbel
- Der Dichter ist das Herz der Welt
- Kontrast
- Wie hat die Sonne schön geschienen! Nun ist so alt und schwach die Zeit
- Metapher
- Die Schönheit weinend abgewendet
- Metonymie
- Der Dichter kann nicht mit verarmen
- Parallelismus
- In Lust und Not auf Gott vertraun
- Personifikation
- Das Reich des Glaubens ist geendet, Zerstört die alte Herrlichkeit, Die Schönheit weinend abgewendet
- Symbolik
- Das Morgenrot, den frischen Wind
- Synästhesie
- Eratmend in die Klänge schaun