Wo sind die Lerchen hingeflogen
1816Wo sind die Lerchen hingeflogen, die sonst den jungen Tag begrüßt? Hoch schweben sie am Himmelsbogen, von Morgenlüftchen wach geküßt: Es floß ein Regen süßer Lieder herab auf die beglückte Welt, und alle Herzen tönten wieder, und jedes fühlte sich ein Held.
Jetzt schweigt die Flur! - Lautlose Schwüle liegt ausgegossen weit und breit, die Willkür ruht auf seidnem Pfühle und freut sich ihrer Sicherheit: Als hätte mit den freien Kehlen sie auch die Herzen stumm gemacht! Als schwiegen zitternd alle Seelen, weil sie die Lippen überwacht!
Ich aber sah die Wolken steigen, und Blitze zucken um den Turm - Ja, es ist wahr! Die Lerchen schweigen, allein sie schweigen - vor dem Sturm! Ihr habt das Lied nicht hören wollen, euch hat die Lerche nichts gelehrt: Wohlan, so wird der Donner rollen, und statt der Saite klirrt das Schwert!
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Interpretation
Das Gedicht "Wo sind die Lerchen hingeflogen" von Robert Eduard Prutz thematisiert den Übergang von einer friedlichen, harmonischen Welt zu einer bedrohlichen, stummen und letztendlich gewalttätigen Atmosphäre. Die Lerchen, die einst den Tag mit ihrem Gesang begrüßten und die Herzen der Menschen erfüllten, sind verschwunden. Ihre Abwesenheit symbolisiert den Verlust von Freiheit, Freude und Hoffnung. Die Stille, die nun die Flur umgibt, wird als bedrückend und beängstigend beschrieben. Die "lautlose Schwüle" und die "Willkür" auf dem "seidnen Pfühle" deuten auf eine erstarrte, unterdrückte Gesellschaft hin, in der die Menschen ihre Stimmen und ihre Herzen verloren haben. Die Stille wird als erzwungen und überwacht dargestellt, was auf eine Diktatur oder ein unterdrückerisches Regime hindeutet. Doch der Dichter sieht die aufziehenden Wolken und die Blitze um den Turm. Er erkennt, dass die Lerchen nicht einfach verschwunden sind, sondern sich vor dem herannahenden Sturm verstecken. Der Sturm symbolisiert eine bevorstehende Revolution oder einen gewaltsamen Umsturz. Der Dichter warnt die Menschen, die den Gesang der Lerchen ignoriert und nichts von ihnen gelernt haben. Er prophezeit, dass anstelle des friedlichen Liedes der Donner rollen wird und anstelle der Saite das Schwert klirren wird. Das Gedicht endet mit einer düsteren Warnung vor den Konsequenzen der Unterdrückung und des Verlustes der Freiheit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Ich aber sah die Wolken steigen, und Blitze zucken um den Turm
- Frage
- Wo sind die Lerchen hingeflogen
- Hyperbel
- und jedes fühlte sich ein Held
- Ironie
- Ihr habt das Lied nicht hören wollen, euch hat die Lerche nichts gelehrt
- Metapher
- und statt der Saite klirrt das Schwert
- Personifikation
- als schwiegen zitternd alle Seelen, weil sie die Lippen überwacht