Wirrsal
unknownDenn immer wieder steigt von Zeit zu Zeit Das Glück zu hoch und sackt das Leid zu tief. Und dann: erwacht, Was man gewaltsam totgemacht Oder was kraftlos dumpfe Unwahrscheinlichkeiten schlief.
Und Kugeln müssen singen durch die Nacht; Und nichts in ihrer Bahn soll leben bleiben. Und was die Menschen sagen oder schreiben, Soll offenkundig Lüge sein. Und eine Zeitlang herrsche Nichts und Nein, Und beuge sich der Vater vor dem Sohn. Revolution!
Damit wir alle neu und weiter leiden, Noch einige die wenigen beneiden, Die dann so stark und unabhängig sind, Dass sie zum Beispiel sich vor einem Kind Ganz plötzlich - oder sich vor grünen Zweigen Oder vor einem Esel - tief verneigen.
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Interpretation
Das Gedicht "Wirrsal" von Joachim Ringelnatz thematisiert die zyklischen und paradoxen Zustände des Lebens. Es beginnt mit der Beobachtung, dass Glück und Leid in unvorhersehbaren Wellen aufeinander folgen. Diese Schwankungen führen dazu, dass das Verdrängte oder Unterdrückte wieder zum Vorschein kommt, sei es durch gewaltsames Vergessen oder durch die Unfähigkeit, bestimmte Wahrheiten anzuerkennen. Im zweiten Teil beschreibt das Gedicht eine chaotische und zerstörerische Phase, in der Gewalt und Lüge herrschen. Kugeln durchschlagen die Nacht, und alles, was gesagt oder geschrieben wird, gilt als Lüge. Eine Zeit der Leere und des "Neins" bricht an, in der selbst die natürliche Ordnung, wie die des Vaters vor dem Sohn, umgekehrt wird. Diese Phase wird als "Revolution" bezeichnet, was auf einen radikalen Umbruch hindeutet. Im abschließenden Teil deutet das Gedicht an, dass dieser Umbruch notwendig ist, um einen neuen Zustand des Leidens und der Neid hervorzubringen. Es entstehen neue Machtverhältnisse, in denen einige wenige so stark und unabhängig werden, dass sie sich vor den einfachsten Dingen, wie einem Kind, grünen Zweigen oder einem Esel, tief verneigen. Dies könnte als eine Rückkehr zu Demut und Bescheidenheit nach einer Phase der Umwälzung interpretiert werden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildlichkeit
- sich vor grünen Zweigen oder vor einem Esel tief verneigen
- Hyperbel
- Und nichts in ihrer Bahn soll leben bleiben
- Metapher
- Revolution
- Personifikation
- Glück steigt zu hoch und Leid sackt zu tief
- Wiederholung
- Und beuge sich der Vater vor dem Sohn