Wir sind doch nunmehr ganz...

Andreas Gryphius

1636

Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret! Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun Hat aller Schweiß, und Fleiß, und Vorrat aufgezehret. Die Türme stehn in Glut, die Kirch′ ist umgekehret. Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun, Die Jungfern sind geschänd′t, und wo wir hin nur schaun Ist Feuer, Pest, und Tod, der Herz und Geist durchfähret. Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut. Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen. Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod, Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot, Daß auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.

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Illustration zu Wir sind doch nunmehr ganz...

Interpretation

Das Gedicht "Wir sind doch nunmehr ganz..." von Andreas Gryphius beschreibt die Verwüstung und das Leid, das durch Krieg und Gewalt über ein Volk gebracht wurde. Die Zeilen schildern eine Szenerie des Chaos und der Zerstörung, in der alles, was einst aufgebaut und geschätzt wurde, nun in Trümmern liegt. Die Sprache ist eindringlich und drastisch, sie malt ein Bild von einem Land, das von Blut, Feuer und Tod heimgesucht wird. In den folgenden Strophen wird die Intensität des Leids noch verstärkt. Gryphius spricht von Türmen, die in Flammen stehen, Kirchen, die umgekehrt sind, und Rathäusern, die in Grauen liegen. Die Starken sind zerschlagen, die Jungfrauen geschändet, und überall, wohin man blickt, herrschen Feuer, Pest und Tod. Die Verse vermitteln ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit und des Verzweifelns angesichts der unerbittlichen Gewalt. Der letzte Teil des Gedichts vertieft das Thema des Leids, indem er von den Flüssen spricht, die von Leichen verstopft sind, und von den Jahren, die von diesem Schrecken gezeichnet sind. Gryphius schweigt über das, was noch schlimmer als der Tod, grimmiger als die Pest, die Glut und die Hungersnot ist: der Verlust des Seelenschatzes. Damit deutet er an, dass das wahre Leid nicht nur im physischen Tod liegt, sondern auch im geistigen und seelischen Verlust, der durch die Gräueltaten des Krieges verursacht wird.

Schlüsselwörter

ganz blut glut pest tod nunmehr mehr verheeret

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Stilmittel

Alliteration
der Tod, der Herz und Geist durchfähret
Anapher
Die Starken sind zerhaun, Die Jungfern sind geschänd′t
Hyperbel
Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen
Kontrast
Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod
Metapher
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun
Personifikation
Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun
Symbolik
Die Türme stehn in Glut, die Kirch′ ist umgekehret