Wir Juden
1917Nur Nacht hört zu. Ich liebe dich, ich liebe dich, mein Volk, Und will dich ganz mit Armen umschlingen heiß und fest, So wie ein Weib den Gatten, der am Pranger steht, am Kolk Die Mutter den geschmähten Sohn nicht einsam sinken lässt. Und wenn ein Knebel dir im Mund den blutenden Schrei verhält, Wenn deine zitternden Arme nun grausam eingeschnürt, So lass mich Ruf, der in den Schacht der Ewigkeiten fällt, Die Hand mich sein, die aufgereckt an Gottes hohen Himmel rührt. Denn der Grieche schlug aus Berggestein seine weißen Götter hervor, Und Rom warf über die Erde einen ehernen Schild, Mongolische Horden wirbelten aus Asiens Tiefen empor, Und die Kaiser in Aachen schauten ein südwärts gaukelndes Bild. Und Deutschland trägt und Frankreich trägt ein Buch und ein blitzendes Schwert, Und England wandelt auf Meeresschiffen bläulich silbernen Pfad, Und Russland ward riesiger Schatten mit der Flamme auf seinem Herd. Und wir, wir sind geworden durch den Galgen und das Rad. Dies Herzzerspringen, der Todesschweiß, ein tränenloser Blick Und der ewige Seufzer am Marterpfahl, den heulenden Wind verschlang. Und die dürre Kralle, die elende Faust, die aus Scheiterhaufen und Strick Ihre Adern grün wie Vipernbrut dem Würger entgegenrang. Der greise Bart, in Höllen versengt, von Teufelsgriff zerfetzt, Verstümmelt Ohr, zerrissene Brau und dunkelnder Augen fliehn: Ihr! Wenn die bittere Stunde reift, so will ich aufstehn hier und jetzt, So will ich wie ihr Triumphtor sein, durch das die Qualen ziehn! Ich will den Arm nicht küssen, den ein strotzendes Zepter schwellt, Nicht das erzene Knie, den tönernen Fuß des Abgotts harter Zeit; O könnt ich wie lodernde Fackel in die finstere Wüste der Welt Meine Stimme heben: Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! Knöchel. Ihr schleppt doch Ketten, und gefangen klirrt mein Gehn. Lippen. Ihr seid versiegelt, in glühendes Wachs gesperrt. Seele. In Käfiggittern einer Schwalbe flatterndes Flehn. Und ich fühle die Faust, die das weinende Haupt auf den Aschenhügeln mir zerrt. Nur Nacht hört zu. Ich liebe dich, mein Volk im Plunderkleid. Wie der heidnischen Erde, Gäas Sohn entkräftet zur Mutter glitt, So wirf dich zu dem Niederen hin, sei schwach, umarme das Leid, Bis einst dein müder Wanderschuh auf den Nacken des Starken tritt!
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Wir Juden" von Gertrud Kolmar ist eine eindringliche und leidenschaftliche Liebeserklärung an das jüdische Volk. Die Sprecherin drückt ihre tiefe Verbundenheit und Solidarität mit ihrem Volk aus, indem sie es mit der Liebe einer Frau zu ihrem Mann oder einer Mutter zu ihrem Sohn vergleicht. Sie verspricht, für ihr Volk einzustehen und es zu unterstützen, selbst wenn es unterdrückt und gequält wird. Kolmar stellt das jüdische Volk in einen historischen Kontext, indem sie die Errungenschaften anderer Völker und Kulturen aufzählt, wie die griechischen Götter, das Römische Reich, die mongolischen Horden und die europäischen Mächte. Im Gegensatz dazu haben die Juden durch den Galgen und das Rad gelitten, was auf die Verfolgung und den Holocaust anspielt. Die Sprecherin beschreibt die Qualen und den Schmerz, den die Juden ertragen mussten, einschließlich des Märtyrertums und der Verbrennung auf Scheiterhaufen. Trotz des Leids und der Unterdrückung drückt die Sprecherin ihre Entschlossenheit aus, für Gerechtigkeit einzustehen und sich gegen die Mächtigen zu erheben. Sie vergleicht sich mit einer lodernden Fackel, die ihre Stimme für Gerechtigkeit erhebt. Die letzten Zeilen des Gedichts enthalten eine Aufforderung an das jüdische Volk, sich dem Leid zuzuwenden und Schwäche zu zeigen, bis es stark genug ist, um die Mächtigen zu stürzen. Das Gedicht endet mit einer kraftvollen Metapher, die besagt, dass der müde Wanderschuh des jüdischen Volkes eines Tages auf den Nacken des Starken treten wird, was auf eine letztendliche Umkehr der Verhältnisse hindeutet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Verstümmelt Ohr, zerrissene Brau und dunkelnder Augen fliehn
- Anapher
- Ich liebe dich, ich liebe dich, mein Volk
- Hyperbel
- Ich will wie lodernde Fackel in die finstere Wüste der Welt meine Stimme heben
- Metapher
- Ich fühle die Faust, die das weinende Haupt auf den Aschenhügeln mir zerrt
- Personifikation
- Und die Kaiser in Aachen schauten ein südwärts gaukelndes Bild
- Symbolik
- Und wir, wir sind geworden durch den Galgen und das Rad
- Vergleich
- Wie der heidnischen Erde, Gäas Sohn entkräftet zur Mutter glitt