Winterwende

Elisabeth Langgässer

1899

Welches Kommen! Welches Gehen! Hundepfiff und leiser Schrei. Geisterhafte Lüfte wehen, überm Dornwall schwarzer Schlehen jagt Orion hoch vorbei.

Durch die sturmgepeitschten Lücken dünnen Schneefalls tastet blind nach dem Vater auf dem Rücken, nach dem Sohn im Niederbücken, sie Äneas gen den Wind.

Huschend kehrt ein flinker Schatte mit der Schleppe seine Spur: Helena im Leib der Ratte sucht von neuem Heim und Gatte, Liebe bettelt der Lemur.

Trojas Trümmer wandern weiter, aufgebaut im Wolkenmeer, aber des Gesanges Leiter an die Zinnen, spukhaft heiter, legt uns Armen kein Homer.

Altes kommt - und ist im Gehen: Troja, Sternbild, Pfiff und Schrei. Geisterhafte Lüfte wehen, überm Dornwall schwarzer Schlehen flammt ein Kreuz im Hirschgeweih.

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Illustration zu Winterwende

Interpretation

Das Gedicht "Winterwende" von Elisabeth Langgässer beschreibt eine mystische und bewegte Winterlandschaft, in der sich verschiedene mythologische und historische Elemente vermischen. Das Gedicht beginnt mit einem lebendigen Bild von Geräuschen und Bewegungen in der Nacht, wobei der Stern Orion als Symbol für den Lauf der Zeit und die Unausweichlichkeit des Wandels dient. Die Atmosphäre ist von einer geisterhaften, fast unheimlichen Präsenz geprägt, die durch die "geisterhaften Lüfte" und die "schwarzen Schlehen" verstärkt wird. Im zweiten Teil des Gedichts werden die Figuren Äneas, Helena und der Lemur eingeführt, die jeweils für verschiedene Aspekte der menschlichen Erfahrung stehen. Äneas symbolisiert die Suche nach Führung und Schutz, während Helena die ewige Suche nach Liebe und Heimat repräsentiert. Der Lemur, ein römischer Hausgeist, bettelt um Liebe, was die universelle Sehnsucht nach Zuneigung und Geborgenheit unterstreicht. Die Erwähnung von Troja und dem Gesang des Homer deutet auf die Vergänglichkeit großer Zivilisationen und die Unmöglichkeit, die Vergangenheit vollständig wiederherzustellen. Das Gedicht endet mit einer Reflexion über den Kreislauf von Kommen und Gehen, wobei die mythischen und historischen Elemente in die natürliche Umgebung integriert werden. Das "Kreuz im Hirschgeweih" könnte als Symbol für Hoffnung oder spirituelle Erleuchtung interpretiert werden, das inmitten der ständigen Veränderungen und des Vergänglichen Bestand hat. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine tiefe Auseinandersetzung mit Themen wie Zeit, Wandel, Verlust und der Suche nach Bedeutung in einer sich ständig wandelnden Welt.

Schlüsselwörter

gehen schrei geisterhafte lüfte wehen überm dornwall schwarzer

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Welches Kommen! Welches Gehen!
Hyperbel
jagt Orion hoch vorbei
Metapher
flammt ein Kreuz im Hirschgeweih
Personifikation
Geisterhafte Lüfte wehen