Winternacht

Detlev von Liliencron

1844

Das war beredet und besprochen, Wie lange her, ich ahn’ es nicht. Der Tag ist da, die Pulse pochen, Die Flocken fallen träg und dicht. Im fremden Dorf, im fremden Saale, Es kennt uns keiner, welche Lust, Wir drehn uns unter’m Kerzenstrahle, Wie schweißt die Liebe Brust an Brust.

Und eng gedrängt im regen Schleifer, Entzünden wir uns mehr und mehr, Ich fühl’s, ich bin Besitzergreifer, Ich weiß auch, das ist dein Begehr. Geheimnisvoller Schatten breitet Sich über unser Stelldichein, O komm, ein Zimmer liegt bereitet, Ein traut Gemach, wir sind allein.

Der Wirt, mit artigem Verneigen, Läßt uns hinein, wünscht gute Nacht, Kein Späher horcht, die Sterne schweigen, Und stumm ist rings die Winterpracht. Und wie beim Fest die Hochzeitsgäste Noch weiter jubeln bei Musik, Verklingt, verhallt in unserm Neste Gejauchz und Violingequiek.

Wie bin ich schnell bei Band und Schnallen, Sie wehrt sich, sie verweigert’s mir, Und ist mir um den Hals gefallen, Verwirrung schloß die Augen ihr. Noch sträubt sie sich, schon fällt die Hülle, Sie will nicht und sie muß, sie muß, Und bringt mir ihre süße Fülle, Und bringt sie mir in Glut und Kuß.

Der Morgen naht in tiefer Stille, Sie schläft erschöpft im weichen Flaum, Noch drang nicht durch die Ladenrille Das Frührot in den heiligen Raum. Die Ampel gießt in Dämmermilde Ein Zartlicht ihr um Brust und Arm, Und auf das himmlische Gebilde Sah lächelnd ich und liebewarm.

Und eh’ die Sonne sich erhoben, Sind wir schon unterwegs im Schnee, Da hab’ ich sie emporgehoben, Und trug sie, ein verzognes Reh. Und trug sie bis an ihre Kammer, An’s Erdenende thät ich’s noch, Sie aber wollte kaum die Klammer Entlösen meinem Nackenjoch.

Die erste Krähe läßt sich hören, Leb’ wohl, mein Schatz, auf Wiedersehn. Und durch die hochbeschneiten Föhren Muß nun den Weg allein ich gehn. Die Sonne steigt, und tausend Funken Durchglitzern das beeiste Feld. Von Glück und Liebe bin ich trunken, O Gott, wie herrlich ist die Welt.

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Illustration zu Winternacht

Interpretation

Das Gedicht "Winternacht" von Detlev von Liliencron erzählt von einer leidenschaftlichen Liebesnacht in einem fremden Dorf. Die Atmosphäre ist geprägt von Schneefall und winterlicher Stimmung. Das Paar, das sich vor langer Zeit kennengelernt hat, trifft sich in einem Saal und tanzt unter dem Kerzenlicht. Die Intimität wächst, und sie ziehen sich in ein vorbereitetes Zimmer zurück, um allein zu sein. Der Wirt wünscht ihnen eine gute Nacht, und die Sterne schweigen, während die Winterpracht um sie herum still ist. Die Liebenden genießen ihre Zweisamkeit, und die Musik im Hintergrund verstärkt die romantische Stimmung. Die Leidenschaft entflammt weiter, und die körperliche Vereinigung findet statt. Trotz anfänglichem Widerstand gibt sich die Frau schließlich hin und erfüllt die Wünsche des Mannes. Die Intimität wird in den Versen lebhaft beschrieben, wobei die Vereinigung als Akt der Liebe und des Begehrens dargestellt wird. Die Nacht endet mit der Erschöpfung der Frau, die im weichen Flaum schläft, während der Mann sie liebevoll betrachtet. Am nächsten Morgen tragen sie die Frau zu ihrer Kammer, und der Mann verlässt sie allein im Schnee, während die Sonne aufgeht und die Welt in tausend Funken glitzert. Das Gedicht endet mit einem Gefühl von Glück und Liebe, das den Mann trunken macht und die Welt als herrlich erscheinen lässt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Besitzergreifer
Bildsprache
Und durch die hochbeschneiten Föhren
Enjambement
Sie will nicht und sie muß, sie muß
Hyperbel
Von Glück und Liebe bin ich trunken
Kontrast
Und ist mir um den Hals gefallen, Verwirrung schloß die Augen ihr
Metapher
Die Flocken fallen träg und dicht.
Personifikation
Die Sterne schweigen
Rhythmus
Und bringt mir ihre süße Fülle, Und bringt sie mir in Glut und Kuß
Symbolik
Die erste Krähe läßt sich hören
Vergleich
Wie schweißt die Liebe Brust an Brust