Wintermärchen

Otto Ernst

1862

Auf dem Baum vor meinem Fenster Saß im rauhen Winterhauch Eine Drossel, und ich fragte: “Warum wanderst du nicht auch?

Warum bleibst du, wenn die Stürme Brausen über Flur und Feld, da dir winkt im fernen Süden Eine sonnenschöne Welt?”

Anwort gab sie leisen Tones: “Weil ich nicht wie andre bin, die mit Zeiten und Geschicken Wechseln ihren leichten Sinn.

Die da wandern nach der Sonne Ruhelos von Land zu Land, Haben nie das stille Leuchten In der eignen Brust gekannt.

Mir erglüht´s mit ew´gem Strahle - Ob auch Nacht auf Erden zieht - sing´ich unter Flockenschauern Einsam ein erträumtes Lied.

Wundersamer Trost der Schmerzen! Doch nur jene kennen ihn, Die in Nacht und Sturm beharren Und vor keinem Winter fliehn.

Dir auch leuchtet hell das Auge; Deine Wange zwar ist bleich; Doch es schaut der Blick nach innen In das ew´ge Sonnenreich.

Laß uns hier gemeinsam wohnen, Und ein Lied von Zeit zu Zeit Singen wir von dürrem Aste Jenem Glanz der Ewigkeit.”

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Wintermärchen

Interpretation

Das Gedicht "Wintermärchen" von Otto Ernst thematisiert die innere Stärke und den Trost, den man in schweren Zeiten finden kann. Es erzählt von einer Drossel, die im Winter auf einem Baum vor dem Fenster des lyrischen Ichs sitzt und nicht in den Süden zieht, obwohl die anderen Vögel dies tun. Die Drossel erklärt, dass sie nicht wie die anderen ist und dass sie das stille Leuchten in ihrer eigenen Brust kennt. Sie singt ein einsames Lied unter dem Schneefall und findet Trost in der Dunkelheit und im Sturm. Das Gedicht vermittelt die Botschaft, dass man in schweren Zeiten innere Stärke finden kann, wenn man sich nicht von äußeren Umständen beirren lässt. Die Drossel ist ein Symbol für diese innere Stärke und den Trost, den man in der Dunkelheit finden kann. Das lyrische Ich erkennt, dass auch es dieses innere Leuchten besitzt und dass es gemeinsam mit der Drossel von dem ewigen Glanz der Ewigkeit singen kann. Insgesamt ist "Wintermärchen" ein Gedicht über die Kraft der inneren Stärke und des Trostes in schweren Zeiten. Es ermutigt den Leser, sich nicht von äußeren Umständen beirren zu lassen und in sich selbst die Quelle des Trostes und der Stärke zu finden.

Schlüsselwörter

warum land nacht lied zeit baum fenster saß

Wortwolke

Wortwolke zu Wintermärchen

Stilmittel

Alliteration
singen wir von dürrem Aste
Bildsprache
Und ein Lied von dürrem Aste Jenem Glanz der Ewigkeit.
Enjambement
Meine Wange zwar ist bleich; Doch es schaut der Blick nach innen In das ew´ge Sonnenreich.
Hyperbel
Mit ew´gem Strahle
Kontrast
Warum bleibst du, wenn die Stürme Brausen über Flur und Feld, da dir winkt im fernen Süden Eine sonnenschöne Welt?
Metapher
Weil ich nicht wie andre bin, die mit Zeiten und Geschicken Wechseln ihren leichten Sinn.
Parallelismus
Die da wandern nach der Sonne Ruhelos von Land zu Land
Personifikation
Auf dem Baum vor meinem Fenster Saß im rauhen Winterhauch Eine Drossel
Rhetorische Frage
Warum wanderst du nicht auch?
Symbolik
Wundersamer Trost der Schmerzen