Winterlieder

Joseph Christian von Zedlitz

1790

Das Leben ist ein Garten, Wo tausend Blumen blühn, Wo goldne Früchte lachen Und aus dem Laube glühn. Die Quellen rauschen rege Durch’s duftende Gehege, Die süße Biene schwärmt, Sonne von oben wärmt.

Und froh, die Brust geweitet, Athm’ ich die frische Luft: In freien durst’gen Zügen Trink’ ich den würz’gen Duft. Mich kühlt im Bad die Welle, Mich stärkt die Sonnenhelle, Ich fühl’ im Lebensmark Mich überwohl und stark.

Dort in der Rosenlaube Welch süßes Engelbild! Es schlummert hold; ein Lächeln Spielt um den Mund so mild. Auf blüthenweißer Hülle Der Brust die Lockenfülle, Gleich Sonnenstrahl auf Schnee, Golden ich schimmern seh'!

O, wecket, Nachtigallen, Die schöne Schläferin, O, flattre, holde Taube, Auf ihren Busen hin! Sie regt sich! – »Schnell, o sage, Ob ich vermessen wage Die Hoffnung, daß Du mein?« Wonne! – sie lispelt: Nein!

Nun schwelge, Herz, und schwelle, Berausche dich in Gluth; Tauch’ in des Lebens Tiefen Mit frohem Uebermuth! O, nicht den Nektar nippen; Nein, schlürft, ihr gier’gen Lippen. Den Becher leer! – Noch nicht Senket der Tag sein Licht!

Doch weh’! Orkane brausen, Die Luft streicht feucht und kalt; Der Nebel, dicht und schaurig, Ringsher die Flur umwallt. Die Blüthe welkt, und düster, Durch wehend Laubgeflüster Bricht bang’ die Nacht herein, Hüllet die Sonne ein.

»Leb’ wohl!« so klingt ein Tönen! Mir aus der Ferne traut: O Stimme, liebe Stimme, Noch einen einz’gen Laut! Umsonst! – Hinweggetragen Hat sie der Wolkenwagen; Ich’ steh und blick’ hinab In meiner Freuden Grab.

Auf fernem Bergesgipfel Liegt wolkennaher Schnee; Wohl die bekannten Wipfel Ich wieder vor mir seh’. Wie streckst du, braune Eiche, Die weiß bereiften Zweige Nach Lenzen, die dich fliehn, So bang’ und traurig hin!

So starrt auch mein Gemüthe, Da meine Sonne fern! Ich treibe keine Blüthe, Kein Leben schwillt im Kern. Auch ich streck’ ohne Ende Hinaus nach Ihr die Hände; Doch weit steht noch mein Licht – Noch naht der Lenz sich nicht.

Ja, ich lebe, Leben ohne Sonne, Ohne Wärme, ohne Glanz und Licht; Oder besser: Nacht des Todes sterb’ ich, Nach lebend’gem Leben aber werb’ ich; – Doch ich finde, was ich suche, nicht.

Ja, es sanken weit in Nacht und Ferne Alle Frühlingsblicke süßer Lust; Wie der Schnee die grüne Saat bedecket, Hat ein scharfer Eishauch mich erschrecket, Kalte Flocken überwehn die Brust.

Ruht ihr, o Bäche, Rieselt nicht mehr? Schweigende Wipfel, so einsam und leer? Alles ist stumm Rings auf der Fläche Um mich herum!

Rastlos im Fluge Ueber mir hin Eilend die Wolken vorüberziehn; Und wie sie gehn, Wandernd im Zuge, Keine von allen wir wiedersehn.

Ob ich sie frage, Lautlos vorbei Jagen sie alle, selbander, frei, Antworten nicht; Wie ich auch klage, Keine mir spricht!

Ach, wer des Lebens Leuchte verlor, Rufet umsonst, ihn vernimmt kein Ohr; Wohl nach dem Licht Ringt er vergebens; Einmal verglommen, erblühet es nicht!

Kalt, wie dein Schauer, Eisige Luft, Starret die Brust; eine Todtengruft, Deckt sie, was starb, Gifthauch der Trauer Langsam verdarb.

Herz, deiner Blüthen Kränze, die karg Grünten, bewahrst du, ein edeler Sarg. Willst sie noch hüten, Asche und Staub, Die du besessen wie heimlichen Raub.

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Illustration zu Winterlieder

Interpretation

Das Gedicht "Winterlieder" von Joseph Christian von Zedlitz ist eine tiefgründige Betrachtung über die Zyklen des Lebens, die Höhen und Tiefen der Gefühle und die Vergänglichkeit der Schönheit und der Liebe. Es beginnt mit einer idyllischen Beschreibung des Lebens als Garten voller blühender Blumen und Früchte, symbolisiert durch eine üppige, warme und duftende Natur. Die Freude und Stärke, die aus dieser Fülle geschöpft werden, werden durch die Erfahrung der Liebe noch gesteigert, die als ein süßes, fast göttliches Bild in einer Rosenlaube dargestellt wird. Jedoch wendet sich das Gedicht bald einer düsteren Stimmung zu, als die Jahreszeit wechselt und der Winter Einzug hält. Die einst blühende Landschaft wird von Nebel und Kälte überzogen, die Blumen welken, und die Freude schwindet. Die Stimme der Geliebten verhallt in der Ferne, und der Sprecher bleibt allein zurück, blickt in das "Grab" seiner Freuden. Die Metapher des Baumes, der seine Zweige nach dem Lenz ausstreckt, der aber fernbleibt, illustriert die Sehnsucht und die Hoffnungslosigkeit, die den Sprecher ergreifen. Im letzten Teil des Gedichts wird die tiefe Verzweiflung und Resignation deutlich. Das Leben ohne die Wärme und das Licht der Liebe wird als eine Art Tod beschrieben, ein nächtliches Dasein, das nach dem lebendigen Leben verlangt, aber nicht findet, was es sucht. Die Bilder von Schnee, der die Saat bedeckt, und von Eishauch, der den Sprecher erschreckt, verstärken das Gefühl der Kälte und der Isolation. Die Stille der Bäche und der Bäume, die unerreichbaren Wolken und die Unfähigkeit, eine Antwort auf die Klagen zu erhalten, unterstreichen die Einsamkeit und die Verlassenheit. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass die verloren gegangene Leuchte des Lebens nicht wieder entzündet werden kann und dass die Brust, die einst von der Wärme der Liebe erfüllt war, nun zu einer Gruft erstarrt ist, in der die Überreste der einstigen Blüten bewahrt werden.

Schlüsselwörter

leben sonne brust gen licht luft schnee hin

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
O, wecket, Nachtigallen
Anapher
Ruht ihr, o Bäche, Rieselt nicht mehr? Schweigende Wipfel, so einsam und leer?
Hyperbel
Tauch' in des Lebens Tiefen Mit frohem Uebermuth
Metapher
edeler Sarg
Personifikation
Orkane brausen
Vergleich
Wie der Schnee die grüne Saat bedecket