Winterlied
1814Da laurt er hinter Dem Boreas, Der alte Winter, Und dörrt das Gras; Hat mir verhunzet Des Gartens Zier, Und knurrt und grunzet Vor meiner Thür.
Er steht und rüttelt Bei Nacht und Tag Am Baum, und schüttelt Die Eulen wach. Da grinzt und schnaubet Das Ungetüm Im Wald, und raubet Mit Ungestüm.
Die Füchse gellen Vor seinem Zorn; Bis zu den Quellen Erstarrt der Vorn. Er treibt die Rinder Mir in den Stall, Und kneipt die Kinder, Wie Rübezahl.
Er thut nicht fremde Vor Mann und Frau; Im weißen Hemde Steht er zur Schau: Er steht, und rupfet Am weichen Saum Der Wolk′, und zupfet Den weißen Flaum;
Und bettet frühe Wohl ohne Zelt, Und sonder Mühe, Auf hartem Feld; Auch schnarcht und stöhnet Er manche Nacht Im See, und dehnet Sich, daß es kracht.
Er äfft possierlich Dem Frühling nach, Und kritzelt zierlich, Im Schlafgemach, Vor meinem Fenster, So Blum′ als Wald; Doch wie Gespenster Zerrinnt es bald.
Auch an den Bäumen Weiß er gar fein Mit Reis zu säumen Die Zweigelein. Er übt am Himmel Auch seine Kunst; Malt Schlachtgewimmel Aus hellem Dunst.
Und Schwerter zischen In heller Nacht; Und Riesen mischen Sich in der Schlacht. Der Landmann zittert Beim Ebentheu′r; Der Küster wittert Des Krieges Feu′r.
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Interpretation
Das Gedicht "Winterlied" von Friedrich Leopold Graf zu Stolberg beschreibt den Winter als eine mächtige, fast mythische Kraft, die die Natur und das menschliche Leben beherrscht. Der Winter wird als eine Figur dargestellt, die das Gras verdorren lässt, den Garten zerstört und vor der Tür knurrt und grunzt. Er wird als ein Ungetüm beschrieben, das Bäume erschüttert, Eulen weckt und im Wald grinst und schnaubt. Der Winter wird als eine zerstörerische und bedrohliche Präsenz dargestellt, die Füchse zum Heulen bringt, Flüsse einfriert und Rinder in den Stall treibt. Der zweite Teil des Gedichts zeigt den Winter als eine täuschende und täuschungsanfällige Kraft. Er imitiert den Frühling, indem er Blumen und Wälder vor dem Fenster des Sprechers malt, aber diese Bilder sind vergänglich und verschwinden wie Geister. Der Winter wird auch als ein Künstler dargestellt, der die Zweige der Bäume mit Reif schmückt und am Himmel Schlachtszenen malt. Diese Darstellungen des Winters sind sowohl schön als auch beunruhigend, da sie auf die Zerstörungskraft des Winters hinweisen. Im letzten Teil des Gedichts wird der Winter als eine Kraft des Krieges und der Zerstörung dargestellt. Schwerter zischen in der Nacht, und Riesen mischen sich in der Schlacht. Der Landmann zittert vor Angst, und der Küster wittert das Feuer des Krieges. Diese Darstellungen des Winters als eine zerstörerische und bedrohliche Kraft verstärken die Idee, dass der Winter eine mächtige und unheimliche Präsenz ist, die die Natur und das menschliche Leben beherrscht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Er steht und rüttelt / Bei Nacht und Tag
- Bildsprache
- Im weißen Hemde / Steht er zur Schau
- Hyperbel
- Er dehnet sich, daß es kracht
- Symbolik
- Der Winter wird als Krieg dargestellt, der den Landmann und den Küster beeinflusst.
- Vergleich
- Der Winter wird mit Rübezahl verglichen, der die Kinder kneipt.