Winterlichtwende
1892Nun hat sich neu das Licht gewendet und täglich steigt der Sonne Kraft, die Leben und die Liebe spendet und alles Irdische erschafft. In ihrem Leuchten wandelst du dem ewig schönen Frühling zu.
Ihr goldnes Auge strahlt hernieder und weckt den Staub zur Seligkeit. In ihrem Feueratem wieder entfaltet sich der Schöpfung Kleid. Und bald umhüllt uns die Natur im Reiz der grün verjüngten Flur.
Bedenk es, Mensch, du gleichst den Sternen, aus Erde und aus Licht gemacht, und liebst du nicht die blauen Fernen, so sinkt dein Geist in finstre Nacht. Halt fest dein Kerzlein in der Hand, das wissend eine Welt umspannt!
Verehrend folgen wir dem Hellen und wagen es beglückt zu sein. Will man uns unsern Stern entstellen, so stürzt doch nie der Glaube ein: Einst wird die Menschheit reif zum Heil und jeder nimmt am Himmel teil.
Ins Licht führt unser kurzes Leben. Der schwarze Mond löscht es nicht aus. Wenn wir uns über uns erheben, sind wir in diesem All zu Haus - und zeugen uns unsterblich fort in edler Tat und freiem Wort.
Dies Dasein diene froh dem Feuer, stolz lodre die Vernunft empor! Erkenntnis, die uns einzig teuer, ringt sich aus Schutt und Tod hervor. Lichtkinder, segnen wir die Welt, die Geist und Liebe sich erhellt.
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Interpretation
Das Gedicht "Winterlichtwende" von Herbert Eulenberg beschreibt die transformative Kraft des Lichts und die Erneuerung der Natur im Frühling. Es betont die Verbindung zwischen Mensch und Natur sowie die Bedeutung von Erkenntnis und Liebe. Das Gedicht beginnt mit der Beschreibung der zunehmenden Kraft der Sonne, die Leben und Liebe spendet und alles Irdische erschafft. Die Sonne wird als "goldnes Auge" dargestellt, das den Staub zur Seligkeit weckt und die Schöpfung erweckt. Die Natur wird als "grün verjüngte Flur" beschrieben, die uns mit ihrem Reiz umhüllt. Im zweiten Teil des Gedichts wird der Mensch als Sternenähnliches Wesen dargestellt, das aus Erde und Licht gemacht ist. Der Dichter betont die Bedeutung der Liebe zu den "blauen Fernen" und warnt davor, dass der Geist in finstere Nacht sinkt, wenn man diese Liebe nicht pflegt. Er fordert den Menschen auf, sein "Kerzlein" festzuhalten, das eine Welt umspannt. Im dritten Teil des Gedichts wird die Verehrung des Hellen und die Bereitschaft, glücklich zu sein, betont. Der Dichter ermutigt den Menschen, an den Glauben festzuhalten, auch wenn ihm sein Stern entstellt wird. Er prophezeit, dass die Menschheit einst reif zum Heil sein wird und jeder am Himmel teilhaben kann. Das Gedicht endet mit der Aussage, dass das kurze Leben des Menschen ins Licht führt und nicht vom "schwarzen Mond" ausgelöscht wird. Der Mensch kann sich über sich selbst erheben und sich in diesem All zu Hause fühlen. Er kann sich unsterblich fortzeugen durch edle Taten und freie Worte. Das Dasein soll dem Feuer dienen, die Vernunft soll stolz emporlodern, und die Erkenntnis soll aus Schutt und Tod hervorgehen. Die "Lichtkinder" sollen die Welt segnen, die sich durch Geist und Liebe erhellt.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Metapher
- Lichtkinder, segnen wir die Welt, die Geist und Liebe sich erhellt
- Personifikation
- In ihrem Feueratem wieder entfaltet sich der Schöpfung Kleid