Wintergrün
1790Greif’ ich in die Saiten wieder, Die ich lang nicht schlug, Und doch in dem Kampf der Lieder Einst so freudig trug?
Als wir zwei vorangezogen Jugendlicher Schaar, Mit des Gottes goldnen Bogen, Daphne’s Laub im Haar!
Lange in der Heimath Auen Ruhte der Gesang: Wir belebten ihre Gauen Mit erneutem Klang.
Und die Welt war uns erschlossen, Wie ein ros’ger Traum, Rings von Hoffnungslicht umflossen, Ein geweihter Raum!
Und die frischen Lebenszweige Senkten wir hinein, Daß empor bald grün’ und steige Der belaubte Hain!
Wie es schäumte, wie’s auch glühte In der Brust, es blieb Im begeisterten Gemüthe Kein gemeiner Trieb!
Alles was in jungen Herzen Kocht und pocht und tobt, Edler Wahn und würd’ge Schmerzen, Hatten wir erprobt.
Und es war kein eitles Streben, Kein ohnmächt’ger Drang; Kraft hatt’ uns ein Gott gegeben, Unsern Liedern Klang.
Doch die Träume hascht vergebens Wer sie binden will, Und die Hoffnungen des Lebens Halten Keinem still!
Und der bunte Schein der Tage, Licht, Duft, Klang erblaßt, Und die Hoffnung selbst ist Plage, Und die Träume Last.
Doch schwand auch der Blüthen Fülle, Eine Ranke, grün, Sehn wir durch die dichte Hülle Selbst des Schnee’s erglühn.
Wintergrün hängt an den Klippen, Senkt in das Gestein, In die harten Felsenrippen Seine Wurzeln ein;
Hoch auf Warten, tief in Grüfte Spinnt sein Netz es dicht, Nährt sich von dem Hauch der Lüfte, Braucht die Erde nicht.
So grünt in dem Sturm des Lebens Uns die Poesie; Sprich, wer lebte wohl vergebens, Und erwarb doch sie! –
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Interpretation
Das Gedicht "Wintergrün" von Joseph Christian von Zedlitz thematisiert die Beständigkeit und Widerstandsfähigkeit der Poesie im Angesicht der Vergänglichkeit des Lebens. Der lyrische Ich reflektiert über seine Jugend, in der er voller Hoffnung und Begeisterung für die Dichtkunst lebte, und kontrastiert dies mit der späteren Erkenntnis, dass Träume und Hoffnungen oft enttäuscht werden. Die Metapher des Wintergrüns als Symbol für die Poesie ist zentral für das Gedicht. Wie das Wintergrün, das auch im Winter grün bleibt und in harten Bedingungen gedeiht, so bleibt auch die Poesie bestehen und spendet Trost, selbst wenn andere Lebensfreude verblasst. Die Poesie wird als etwas dargestellt, das unabhängig von äußeren Umständen existieren kann, ähnlich wie das Wintergrün, das sich von der Luft ernährt und keine Erde benötigt. Das Gedicht schließt mit einer rhetorischen Frage, die die Bedeutung der Poesie unterstreicht: Wer hätte ein vergebliches Leben geführt, wenn er die Poesie erlangt hätte? Diese Frage impliziert, dass die Poesie einen bleibenden Wert hat, der das Leben trotz aller Enttäuschungen und Vergänglichkeit bereichert und sinnvoll macht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Und erwarb doch sie
- Personifikation
- Und die Welt war uns erschlossen