Winter

Matthias Claudius

1815

Der Winter ist ein rechter Mann, Kernfest und auf die Dauer; Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an Und scheut nicht Süß noch Sauer.

Er zieht sein Hemd im Freien an Und läßt′s vorher nicht wärmen, Und spottet über Fluß im Zahn Und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang Weiß er sich nichts zu machen, Haßt warmen Drang und warmen Klang Und alle warmen Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr, Wenn′s Holz im Ofen knittert, Und an dem Ofen Knecht und Herr Die Hände reibt und zittert;

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht Und Teich und Seen krachen, Das klingt ihm gut, das haßt er nicht, Dann will er sich totlachen. -

Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus Beim Nordpol an dem Strande; Doch hat er auch ein Sommerhaus Im lieben Schweizerlande.

Da ist er denn bald dort, bald hier, Gut Regiment zu führen. Und wenn er durchzieht, stehen wir Und sehn ihn an und frieren.

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Illustration zu Winter

Interpretation

Das Gedicht "Winter" von Matthias Claudius personifiziert den Winter als einen robusten und unnachgiebigen Mann, der durch seine Härte und Kälte charakterisiert wird. Der Winter wird als ein "rechter Mann" beschrieben, der "Kernfest und auf die Dauer" ist, was auf seine Stärke und Beständigkeit hindeutet. Seine Unempfindlichkeit gegenüber Süßem und Saurem sowie seine Gleichgültigkeit gegenüber Blumen und Vogelsang betonen seine Härte und seine Abneigung gegen alles Warme und Lebendige. Der Winter wird als jemand dargestellt, der sich über die Kälte und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten lustig macht. Er zieht sein Hemd im Freien an, ohne es vorher zu wärmen, und spottet über Zahn- und Darmbeschwerden, die durch die Kälte verursacht werden. Diese Darstellung unterstreicht die unerbittliche Natur des Winters und seine Fähigkeit, selbst diejenigen zu belasten, die versuchen, sich vor ihm zu schützen. Das Gedicht beschreibt auch die Auswirkungen des Winters auf die Umwelt und die Menschen. Wenn die Füchse laut bellen, das Holz im Ofen knistert und Menschen sich an den Händen reiben und zittern, um sich zu wärmen, findet der Winter daran Gefallen. Der Frost, der Stein und Bein zerbricht und Teiche und Seen zum Knacken bringt, klingt ihm gut. Diese Szenen verdeutlichen die zerstörerische Kraft des Winters und seine Freude an der Kälte. Schließlich wird der Winter als ein Wesen mit zwei Wohnsitzen dargestellt: einem Schloss aus Eis am Nordpol und einem Sommerhaus in der Schweiz. Diese Dualität symbolisiert die globale Präsenz des Winters und seine Fähigkeit, zwischen den Polen zu wechseln. Wenn der Winter durchzieht, stehen die Menschen und betrachten ihn, während sie frieren, was seine überwältigende Präsenz und die Unvermeidlichkeit der Jahreszeit unterstreicht.

Schlüsselwörter

warmen haßt ofen gut bald winter rechter mann

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Stilmittel

Bildsprache
Die Darstellung von 'Füchsen, die bellen' und 'Holz, das im Ofen knittert' schafft lebendige Bilder der Winterlandschaft.
Enjambement
Die Zeilen 'Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an / Und scheut nicht Süß noch Sauer' nutzen Enjambement, um den Lesefluss zu beeinflussen.
Ironie
Der Winter 'spottet über Fluß im Zahn und Kolik in Gedärmen', was eine ironische Darstellung seiner Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leiden ist.
Metapher
Der Winter wird als 'Schloß von Eis' beschrieben, was seine Härte und Kälte symbolisiert.
Personifikation
Der Winter wird als 'rechter Mann' beschrieben, der menschliche Eigenschaften wie Festigkeit und Ausdauer besitzt.