Wingolf

Friedrich Gottlieb Klopstock

1811

Erstes Lied

Wie Gna im Fluge, jugendlich ungestüm, Und stolz, als reichten mir aus Iduna’s Gold Die Götter, sing’ ich meine Freunde Feyrend in kühnerem Bardenliede.

Willst du zu Strophen werden, o Haingesang? Willst du gesetzlos, Ossians Schwunge gleich, Gleich Ullers Tanz auf Meerkrystalle, Frey aus der Seele des Dichters schweben?

Die Wasser Hebrus wälzten mit Adlereil Des Zelten Leyer, welche die Wälder zwang, Dass sie ihr folgten, die den Felsen Taumeln, und wandeln aus Wolken lehrte.

So floss der Hebrus. Schattenbesänftiger, Mit fortgerissen folgte dein fliehend Haupt Voll Bluts, mit todter Stirn, der Leyer Hoch im Getöse gestürzter Wogen.

So floss der Waldstrom hin nach dem Ozean! So fliesst mein Lied auch, stark, und gedankenvoll. Dess spott’ ich, der’s mit Klüglingsblicken Höret, und kalt von der Glosse triefet.

Den segne, Lied, ihn segne bey festlichem Entgegengehn, mit Freudenbegrüssungen, Der über Wingolfs hohe Schwelle Heiter, im Haine gekränzt, hereintritt.

Dein Barde wartet. Liebling der sanften Hlyn, Wo bliebst du? kömst du von dem begeisternden Achäerhämus? oder kömst du Von den unsterblichen sieben Hügeln?

Wo Scipionen, Flakkus und Tullius, Urenkel denkend, tönender sprach, und sang, Wo Maro mit dem Kapitole Um die Unsterblichkeit muthig zankte!

Voll sichres Stolzes, sah er die Ewigkeit Des hohen Marmors: Trümmer wirst einst du seyn, Staub dann, und dann des Sturms Gespiele, Du Kapitol! und du Gott der Donner!

Wie oder zögerst du von des Albion Eiland herüber? Liebe sie, Ebert, nur! Sie sind auch deutsches Stamms, Ursöhne Jener, die kühn mit der Woge kamen!

Sey mir gegrüsset! Immer gewünscht kömst du, Wo du auch herkömst, Liebling der sanften Hlyn! Vom Tybris lieb, sehr lieb vom Hämus! Lieb von Britanniens stolzem Eiland,

Allein geliebter, wenn du voll Vaterlands Aus jenen Hainen kömst, wo der Barden Chor Mit Braga singet, wo die Telyn Tönt zu dem Fluge des deutschen Liedes.

Da kömst du jetzt her, hast aus dem Mimer schon Die geistervolle silberne Flut geschöpft! Schon glänzt die Trunkenheit des Quells dir, Ebert, aus hellem entzücktem Auge.

“Wohin beschworst du, Dichter, den Folgenden? Was trank? was seh ich? Bautest du wieder auf Tanfana? oder, wie am Dirce Mauren Amphion, Walhalla’s Tempel?”

Die ganze Lenzflur streute mein Genius, Der unsern Freunden rufet, damit wir uns Hier in des Wingolf lichten Hallen Unter dem Flügel der Freud’ umarmen.

Zweites Lied

Sie kommen, Cramern gehet in Rythmustanz, Mit hochgehobner Leyer Iduna vor! Sie geht, und sieht auf ihn zurücke, Wie auf die Wipfel des Hains der Tag sieht.

Sing noch Beredtsamkelten! die erste weckt Den Schwan in Glasor schon zur Entzückung auf! Sein Fittig steigt, und sanft gebogen Schwebet sein Hals mit des Liedes Tönen!

Die deutsche Nachwelt singet der Barden Lied, (Wir sind ihr Barden!) einst bey der Lanze Klang! Sie wird von dir auch Lieder singen, Wenn sie daher zu der kühnen Schlacht zeucht.

Schon hat den Geist der Donnerer ausgehaucht, Schon wälzt sein Leib sich blutig im Rheine fort, Doch bleibt am leichenvollen Ufer Horchend der eilende Geist noch schweben.

Du schweigest, Freund, und siehest mich weinend an. Ach warum starb die liebende Radikin? Schön wie die junge Morgenröthe, Heiter und sanft, wie die Sommermondnacht.

Nim diese Rosen, Gieseke; Velleda Hat sie mit Zähren heute noch sanft genässt, Als sie dein Lied mir von den Schmerzen Deiner Gespielin der Liebe vorsang.

Du lächelst! Ja, dein Auge voll Zärtlichkeit Hat dir mein Herz schon dazumal zugewandt, Als ich zum erstenmal dich sahe, Als ich dich sah, und du mich nicht kantest.

Wenn einst ich todt bin, Freund, so besinge mich! Dein Lied voll Thränen wird den entfliehenden Dir treuen Geist noch um dein Auge, Das mich beweint, zu verweilen zwingen.

Dann soll mein Schutzgeist, schweigend und unbemerkt, Dich dreymal segnen! dreymal dein sinkend Haupt Umfliegen, und nach mir, der scheidet, Dreymal noch sehn, und dein Schutzgeist werden.

Der Thorheit Hasser, aber auch Menschenfreund, Allzeit gerechter Rabner, dein heller Blick, Dein froh und herzenvoll Gesicht ist Freunden der Tugend, und deinen Freunden

Nur liebenswürdig; aber den Thoren bist Du furchtbar! Scheuche, wenn du noch schweigst, sie schon Zurück! Lass selbst ihr kriechend Lächeln Dich in dem rügenden Zorn nicht irren.

Stolz, und voll Demuth, arten sie niemals aus! Sey unbekümmert, wenn auch ihr zahllos Heer Stets wüchs’, und wenn in Völkerschaften Auch Philosophen die Welt umschwärmten!

Wenn du nur Einen jedes Jahrhundert nimst, Und ihn der Weisheit Lehrlingen zugesellst; Wohl dir! Wir wollen deine Siege Singen, die dich in der Fern erwarten.

Dem Enkel winkend stell’ ich dein heilig Bild Zu Tiburs Lacher, und zu der Houyhmess Freund; Da sollst du einst den Namen (wenig Führeten ihn) des Gerechten führen!

Drittes Lied

Lied, werde sanfter, fliesse gelinder fort. Wie auf die Rosen hell aus des Morgens Hand Der Thau herabträuft, denn dort kömt er Fröhlicher heut und entwölkt mein Gellert.

Dich soll der schönsten Mutter geliebteste Und schönste Tochter lesen, und reizender Im Lesen werden, dich in Unschuld, Sieht sie dich etwa wo schlummern, küssen.

Auf meinem Schooss, in meinen Umarmungen Soll einst die Freundin, welche mich lieben wird, Dein süss Geschwätz mir sanft erzählen, Und es zugleich an der Hand als Mutter

Die kleine Zilie lehren. Des Herzens Werth Zeigt auf dem Schauplatz keiner mit jenem Reiz, Den du ihm gabst. Da einst die beyden Edleren Mädchen mit stiller Grossmuth,

Euch unnachahmbar, welchen nur Schönheit blüht, Sich in die Blumen setzten, da weint’ ich, Freund, Da flossen ungesehne Thränen Aus dem gerührten entzückten Auge.

Da schwebte lange freudiger Ernst um mich. O Tugend! rief ich, Tugend, wie schön bist du! Welch göttlich Meisterstück sind Seelen, Die sich hinauf bis zu dir erheben!

Der du uns auch liebst, Olde, kom näher her, Du Kenner, der du edel und feuervoll, Unbiegsam beyden, beyden furchtbar, Stümper der Tugend und Schriften hassest!

Du, der bald Zweifler, und Philosoph bald war, Bald Spötter aller menschlichen Handlungen, Bald Miltons, und Homerus Priester, Bald Misanthrope, bald Freund, bald Dichter,

Viel Zeiten, Kühnert, hast du schon durchgelebt, Von Eisen Zeiten, silberne, goldene! Kom, Freund, kom wieder zu des Britten Zeit, und zurück zu des Mäoniden!

Noch zween erblick’ ich. Den hat vereintes Blut, Mehr noch die Freundschaft, zärtlich mir zugesellt, Und den des Umgangs süsse Reizung, Und der Geschmack mit der hellen Stirne.

Schmidt, der mir gleich ist, den die Unsterblichen Des Hains Gesängen neben mir auferziehn! Und Rothe, der sich freyer Weisheit Und der vertrauteren Freundschaft weihte.

Viertes Lied

Ihr Freunde fehlt noch, die ihr mich künftig liebt! Wo seyd ihr? Eile, säume nicht, schöne Zeit! Komt, auserkohrne, helle Stunden, Da ich sie seh’, und sie sanft umarme!

Und du, o Freundin, die du mich lieben wirst, Wo bist du? Dich sucht, Beste, mein einsames, Mein fühlend Herz, in dunkler Zukunft, Durch Labyrinthe der Nacht hin suchts dich!

Hält dich, o Freundin, etwa die zärtlichste Von allen Frauen mütterlich ungestüm; Wohl dir! auf ihrem Schoosse lernst du Tugend und Liebe zugleich empfinden!

Doch hat dir Blumenkränze des Frühlings Hand Gestreut, und ruhst du, wo er im Schatten weht; So fühl auch dort sie! Dieses Auge, Ach dein von Zärtlichkeit volles Auge,

Und der in Zähren schwimmende süsse Blick, (Die ganze Seele bildet in ihm sich mir! Ihr heller Ernst, ihr Flug zu denken, Leichter als Tanz in dem West und schöner!)

Die Mine, voll des Guten, des Edlen voll, Diess vor Empfindung bebende sanfte Herz! Diess alles, o die einst mich liebet! Dieses geliebte Phantom ist mein! du,

Du selber fehlst mir! Einsam und wehmuthsvoll Und still und weinend irr’ ich, und suche dich, Dich, Beste, die mich künftig liebet, Ach die mich liebt! und noch fern von mir ist!

Fünftes Lied

Sahst du die Thräne, welche mein Herz vergoss, Mein Ebert? Traurend lehn’ ich auf dich mich hin. Sing mir begeistert, als vom Dreyfuss, Brittischen Ernst, dass ich froh wie du sey!

Doch jetzt auf Einmahl wird mir das Auge hell! Gesichten hell, und hell der Begeisterung! Ich seh’ in Wingolfs fernen Hallen Tief in den schweigenden Dämmerungen,

Dort seh’ ich langsam heilige Schatten gehn! Nicht jene, die sich traurig von Sterbenden Erheben, nein, die, in der Dichtkunst Stund’ und der Freundschaft, um Dichter schweben!

Sie führet, hoch den Flügel, Begeistrung her! Verdeckt dem Auge, welches der Genius Nicht schärft, siehst du sie, seelenvolles, Ahndendes Auge des Dichters, du nur!

Drey Schatten kommen! neben den Schatten tönts Wie Mimers Quelle droben vom Eichenhain Mit Ungestüm herrauscht, und Weisheit Lehret die horchenden Wiederhalle!

Wie aus der hohen Drüden Versamlungen, Nach Braga’s Telyn, nieder vom Opferfels, Ins lange tiefe Thal der Waldschlacht, Satzungenlos sich der Barden Lied stürzt!

Der du dort wandelst, ernstvoll und heiter doch, Das Auge voll von weiser Zufriedenheit, Die Lippe voll von Scherz; (Es horchen Ihm die Bemerkungen deiner Freunde,

Ihm horcht entzückt die feinere Schäferin,) Wer bist du, Schatten? Ebert! er neiget sich Zu mir, und lächelt. Ja er ist es! Siehe der Schatten ist unser Gärtner!

Uns werth, wie Flakkus war sein Quintilius, Der unverhüllten Wahrheit Vertraulichster, Ach kehre, Gärtner, deinen Freunden Ewig zurück! Doch du fliehest fern weg!

Fleuch nicht, mein Gärtner, fleuch nicht! du flohst ja nicht, Als wir an jenen traurigen Abenden, Um dich voll Wehmuth still versammelt, Da dich umarmten, und Abschied nahmen!

Die letzten Stunden, welche du Abschied nahmst, Der Abend soll mir festlich auf immer seyn! Da lernt’ ich, voll von ihrem Schmerze, Wie sich die wenigen Edlen liebten!

Viel Mitternächte werden noch einst entfliehn. Lebt sie nicht einsam, Enkel, und heiligt sie Der Freundschaft, wie sie eure Väter Heiligten, und euch Exempel wurden!

Sechstes Lied

In meinem Arme, freudig, und weisheitsvoll, Sang Ebert: Evan, Evoe Hagedorn! Da tritt er auf dem Rebenlaube Muthig einher, wie Lyäus, Zeus Sohn!

Mein Herz entglühet! herschend und ungestüm Bebt mir die Freude durch mein Gebein dahin! Evan, mit deinem Weinlaubstabe Schone mit deiner gefüllten Schale!

Ihn deckt’ als Jüngling eine Lyäerin, Nicht Orpheus Feindin, weislich mit Reben zu! Und diess war allen Wassertrinkern Wundersam, und die in Thälern wohnen,

In die des Wassers viel von den Hügeln her Stürzt, und kein Weinberg längere Schatten streckt. So schlief er, keinen Schwätzer fürchtend, Nicht ohne Götter, ein kühner Jüngling.

Mit seinem Lorber hat dir auch Patareus Und eingeflochtner Myrte das Haupt umkränzt! Wie Pfeile von dem goldnen Köcher, Tönet dein Lied, wie des Jünglings Pfeile

Schnellrauschend klangen, da der Unsterbliche Nach Peneus Tochter durch die Gefilde flog! Oft wie des Satyrs Hohngelächter, Als er den Wald noch nicht laut durchlachte.

Zu Wein und Liedern wähnen die Thoren dich Allein geschaffen. Denn den Unwissenden Hat, was das Herz der Edlen hebet, Stets sich in dämmernder Fern’ verloren!

Dir schlägt ein männlich Herz auch! Dein Leben tönt Mehr Harmonieen, als ein unsterblich Lied! In unsokratischem Jahrhundert Bist du für wenige Freund’ ein Muster!

Siebentes Lied

Er sang’s. Jetzt sah ich fern in der Dämmerung Des Hains am Wingolf Schlegeln aus dichtrischen Geweihten Eichenschatten schweben, Und in Begeistrung vertieft und ernstvoll,

Auf Lieder sinnen. Tönet! da töneten Ihm Lieder, nahmen Geniusbildungen Schnell an! In sie hatt’ er der Dichtkunst Flamme geströmt, aus der vollen Urne!

Noch Eins nur fehlt dir! falt’ auch des Richters Stirn, Dass, wenn zu uns sie etwa vom Himmel kömt Die goldne Zeit, der Hain Thuiskons Leer des undichtrischen Schwarmes schatte.

Achtes Lied

Kom, goldne Zeit, die selten zu Sterblichen Heruntersteiget, lass dich erflehn, und kom Zu uns, wo dir es schon im Haine Weht, und herab von dem Quell schon tönet!

Gedankenvoller, tief in Entzückungen Verloren, schwebt bey dir die Natur. Sie hat’s Gethan! hat Seelen, die sich fühlen, Fliegen den Geniusflug, gebildet.

Natur, dich hört’ ich im Unermesslichen Herwandeln, wie, mit Sphärengesangeston, Argo, von Dichtern nur vernommen, Strahlend im Meere der Lüfte wandelt.

Aus allen goldnen Zeiten begleiten dich, Natur, die Dichter! Dichter des Alterthums! Der späten Nachwelt Dichter! Segnend Sehn sie ihr heilig Geschlecht hervorgehn.

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Illustration zu Wingolf

Interpretation

Das Gedicht "Wingolf" von Friedrich Gottlieb Klopstock ist ein Loblied auf Freundschaft und Dichtkunst. Es beschreibt eine Zusammenkunft von Freunden im Wingolf, einem Hain, der als Ort der Inspiration und der Gemeinschaft dient. Klopstock beschwört die Geister vergangener Dichter und ruft die goldene Zeit herbei, in der die Dichtkunst in ihrer höchsten Blüte steht. Er feiert die Freundschaft als eine Quelle der Inspiration und des Trostes und preist die Schönheit der Natur und der Kunst. Das Gedicht ist in sieben Gesänge unterteilt, die jeweils einen anderen Aspekt des Wingolf und seiner Bewohner thematisieren. Der erste Gesang führt den Leser in die Szenerie ein und beschwört die Anwesenheit der Freunde. Der zweite Gesang preist die Schönheit der Natur und die Kraft der Dichtkunst. Der dritte Gesang beschwört die Geister vergangener Dichter und ruft die goldene Zeit herbei. Der vierte Gesang feiert die Freundschaft als eine Quelle der Inspiration und des Trostes. Der fünfte Gesang preist die Schönheit der Natur und der Kunst. Der sechste Gesang beschwört die Geister vergangener Dichter und ruft die goldene Zeit herbei. Der siebte Gesang feiert die Freundschaft als eine Quelle der Inspiration und des Trostes. Das Gedicht ist ein Beispiel für die Empfindsamkeit und den Idealismus der Aufklärung. Es zeigt die Bedeutung von Freundschaft, Natur und Kunst für das menschliche Glück und die menschliche Entwicklung.

Schlüsselwörter

lied voll auge einst freund herz bald schatten

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