Willkommen und Abschied
1771Es schlug mein Herz; geschwind zu Pferde! Es war gethan fast eh’ gedacht; Der Abend wiegte schon die Erde Und an den Bergen hing die Nacht: Schon stand im Nebelkleid die Eiche Ein aufgethürmter Riese da, Wo Finsterniß aus dem Gesträuche Mit hundert schwarzen Augen sah.
Der Mond von einem Wolkenhügel Sah kläglich aus dem Duft hervor, Die Winde schwangen leise Flügel, Umsaus’ten schauerlich mein Ohr; Die Nacht schuf tausend Ungeheuer; Doch frisch und fröhlich war mein Muth: In meinen Adern welches Feuer! In meinem Herzen welche Gluth!
Dich sah ich, und die milde Freude Floß von dem süßen Blick auf mich; Ganz war mein Herz an deiner Seite Und jeder Athemzug für dich. Ein rosenfarbnes Frühlingswetter Umgab das liebliche Gesicht, Und Zärtlichkeit für mich - Ihr Götter! Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht!
Doch ach schon mit der Morgensonne Verengt der Abschied mir das Herz: In deinen Küssen, welche Wonne! In deinem Auge, welcher Schmerz! Ich ging, du standst und sahst zur Erden, Und sahst mir nach mit nassem Blick: Und doch, welch Glück geliebt zu werden! Und lieben, Götter, welch ein Glück!
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Interpretation
Das Gedicht "Willkommen und Abschied" von Johann Wolfgang von Goethe beschreibt die leidenschaftliche Begegnung und den schmerzlichen Abschied des lyrischen Ichs von seiner Geliebten. In der ersten Strophe schildert der Sprecher die nächtliche Reise zu seiner Geliebten, wobei die Natur mit bedrohlichen Bildern wie dem "aufgthürmten Riesen" Eiche und der "Finsternis" mit "hundert schwarzen Augen" dargestellt wird. Trotz dieser düsteren Atmosphäre ist das lyrische Ich voller Tatendrang und Vorfreude auf das bevorstehende Treffen. Die zweite Strophe setzt die Schilderung der nächtlichen Szenerie fort, wobei der Mond "kläglich" erscheint und die Winde "leise Flügel schwingen". Die Nacht wird als "tausend Ungeheuer" schaffend beschrieben, doch das lyrische Ich bleibt "frisch und fröhlich" und voller Leidenschaft. Die Verwendung von Feuer- und Glutbildern unterstreicht die Intensität der Gefühle des Sprechers. In der dritten Strophe tritt die Geliebte in den Fokus. Der Anblick der Geliebten erfüllt das lyrische Ich mit "milder Freude", und sein Herz ist ganz bei ihr. Die Beschreibung des Gesichts der Geliebten als "rosenfarbenes Frühlingswetter" und die ausströmende "Zärtlichkeit" verdeutlichen die tiefe Zuneigung und das Glück des Sprechers in ihrer Gegenwart. Doch bereits in der vierten Strophe kehrt sich die Stimmung ins Gegenteil: Mit dem Morgengrauen kommt der schmerzliche Abschied. Die letzten Küsse sind voller Wonne, doch der Blick der Geliebten ist von Schmerz erfüllt. Das lyrische Ich verlässt sie, und sie sieht ihm mit "nassen Blicken" nach. Trotz des Schmerzes des Abschieds erkennt der Sprecher das große Glück, geliebt zu werden und selbst zu lieben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Die Nacht schuf tausend Ungeheuer
- Kontrast
- In deinen Küssen, welche Wonne! / In deinem Auge, welcher Schmerz!
- Metapher
- Eine rosenfarbnes Frühlingswetter / Umgab das liebliche Gesicht
- Personifikation
- Die Winde schwangen leise Flügel
- Vergleich
- Die Eiche wie ein aufgethürmter Riese