Willkommen und Abschied (Spätere Fassung, ca.1785)

Johann Wolfgang von Goethe

1785

Es schlug mein Herz, geschwind, zu Pferde! Es war getan fast eh gedacht. Der Abend wiegte schon die Erde, Und an den Bergen hing die Nacht; Schon stand im Nebelkleid die Eiche Ein aufgetürmter Riese, da, Wo Finsternis aus dem Gesträuche Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel Sah kläglich aus dem Duft hervor, Die Winde schwangen leise Flügel, Umsausten schauerlich mein Ohr; Die Nacht schuf tausend Ungeheuer, Doch frisch und fröhlich war mein Mut: In meinen Adern welches Feuer! In meinem Herzen welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude Floß von dem süßen Blick auf mich; Ganz war mein Herz an deiner Seite Und jeder Atemzug für dich. Ein rosenfarbnes Frühlingswetter Umgab das liebliche Gesicht, Und Zärtlichkeit für mich - ihr Götter! Ich hofft es, ich verdient es nicht!

Doch ach, schon mit der Morgensonne Verengt der Abschied mir das Herz: In deinen Küssen welche Wonne! In deinem Auge welcher Schmerz! Ich ging, du standst und sahst zur Erden Und sahst mir nach mit nassem Blick: Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! Und lieben, Götter, welch ein Glück

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Willkommen und Abschied (Spätere Fassung, ca.1785)

Interpretation

Das Gedicht "Willkommen und Abschied" von Johann Wolfgang von Goethe beschreibt die leidenschaftliche Begegnung und den schmerzlichen Abschied des lyrischen Ichs von seiner Geliebten. In der ersten Strophe schildert der Sprecher seine eilige Anreise in der Dämmerung, wobei die Natur in dunkle, geheimnisvolle Farben getaucht wird. Die Eiche erscheint als riesenhafter Wächter in der hereinbrechenden Nacht. Die zweite Strophe setzt die nächtliche Stimmung fort, wobei Mond und Wind eine unheimliche Atmosphäre schaffen. Trotz der tausend Ungeheuer, die die Nacht erschafft, ist das lyrische Ich voller Feuer und Glut, angetrieben von der Vorfreude auf das Wiedersehen. Die dritte Strophe beschreibt das eigentliche Treffen, bei dem die Geliebte mit ihrem milden Blick und ihrem rosenfarbenen, lieblichen Gesicht das Herz des Sprechers völlig einnimmt. In der letzten Strophe folgt der schmerzliche Abschied mit der Morgensonne. Die Küsse sind voller Wonne, das Auge der Geliebten voller Schmerz. Das lyrische Ich betont die unbeschreibliche Freude, geliebt zu werden und selbst zu lieben, trotz des schmerzhaften Abschieds.

Schlüsselwörter

herz sah nacht blick götter sahst welch glück

Wortwolke

Wortwolke zu Willkommen und Abschied (Spätere Fassung, ca.1785)

Stilmittel

Alliteration
Es schlug mein Herz, geschwind, zu Pferde!
Anapher
Und lieben, Götter, welch ein Glück
Hyperbel
Mit hundert schwarzen Augen sah
Kontrast
In deinen Küssen welche Wonne! In deinem Auge welcher Schmerz!
Metapher
Der Abend wiegte schon die Erde
Personifikation
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer
Vergleich
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter umgab das liebliche Gesicht