Wilhelm Tell
Wenn rohe Kräfte feindlich sich entzweien,
Und blinde Wut die Kriegesflamme schürt;
Wenn sich im Kampfe tobender Parteien
Die Stimme der Gerechtigkeit verliert;
Wenn alle Laster schamlos sich befreien,
Wenn freche Willkür an das Heil′ge rührt,
Den Anker löst, an dem die Staaten hängen:
– Da ist kein Stoff zu freudigen Gesängen.
Doch wenn ein Volk, das fromm die Herden weidet,
Sich selbst genug, nicht fremden Guts begehrt,
Den Zwang abwirft, den es unwürdig leidet,
Doch selbst im Zorn die Menschlichkeit noch ehrt,
Im Glücke selbst, im Siege sich bescheidet:
– Das ist unsterblich und des Liedes wert.
Und solch ein Bild darf ich dir freudig zeigen,
Du kennst′s, denn alles Große ist dein eigen.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Wilhelm Tell“ von Friedrich Schiller präsentiert eine Reflexion über die Bedingungen, unter denen ein Volk Widerstand leisten und wie ein solches Handeln zu beurteilen ist. Es ist kein Erzählgedicht, sondern eine dichterische Analyse der Umstände, die Krieg, Unterdrückung und den Kampf um Freiheit begleiten. Das Gedicht verzichtet auf die direkte Handlung des Dramas „Wilhelm Tell“ und konzentriert sich stattdessen auf die moralischen und politischen Implikationen des Widerstands.
Der erste Teil des Gedichts beschreibt eine düstere Ausgangslage, in der „rohe Kräfte“ und „blinde Wut“ herrschen. Dies ist eine Zeit der Unordnung, in der die Gerechtigkeit verloren geht und Laster und Willkür frei walten. Diese Zustände werden als Gegensätze zum erstrebenswerten Zustand eines Volkes dargestellt. Sie bilden den Hintergrund für die spätere Darstellung des positiven Ideals. Die verwendeten Bilder, wie die „Kriegesflamme“ und die „freche Willkür“, erzeugen ein Bild von Zerstörung und Chaos, was die Dringlichkeit der Thematik unterstreicht und die Bedeutung des Folgenden hervorhebt.
Der zweite Teil des Gedichts beschreibt das Ideal eines Volkes, das sich von seinem Leid befreit. Dieses Volk ist „fromm“ und selbstgenügsam, es begehrt nicht das Eigentum anderer. Im Zorn wahrt es die Menschlichkeit und zeigt Bescheidenheit im Glück und im Sieg. Diese Tugenden sind es, die das Volk „unsterblich und des Liedes wert“ machen. Die Verwendung des Wortes „fromm“ deutet auf eine tiefe Verbundenheit mit ethischen Werten und einem Sinn für das, was richtig ist, hin. Das Gedicht lobt also nicht nur den Widerstand gegen Unterdrückung, sondern auch die Tugenden, die diesen Widerstand moralisch rechtfertigen und zum Erfolg führen.
Die letzten beiden Zeilen richten sich direkt an den Leser oder Zuhörer und betonen die Wertschätzung und Bewunderung, die Schiller für das vorgestellte Ideal empfindet. Die Zeile „Du kennst’s, denn alles Große ist dein eigen“ suggeriert, dass der angesprochene Adressat (vermutlich ein Patriot oder eine edle Persönlichkeit) bereits mit diesen Werten vertraut ist und sie teilt. Es ist ein Appell an die Tugenden der Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit, die auch in den eigenen Handlungen des Lesers widergespiegelt werden sollen. Das Gedicht ist somit nicht nur eine Beschreibung, sondern auch eine moralische Ermahnung und ein Aufruf zum Handeln.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.