Wilhelm der lieben Mutter an ihrem Geburtstage

Wilhelm Hauff

1827

Was bring ich denn in Deiner Kinder Reihn O Mutter! Dir an Deinem Ehrentage? Darf ich Dir wohl zum Angebinde weihn Was heute ich im vollen Herzen trage? Nein Du verschmähest nicht was ich gefühlt, So nimm es hin, mög es Dir Freude bringen Und mög es aufwärts zu dem Vater dringen Der unsre Gute Mutter stets erhielt.

Oh! sieh wie fröhlich alles zu Dir dringt, Wie sie Dir reichen ihre kleinen Gaben, Wie glücklich jedes, daß es etwas bringt, Wie glücklich sie sich dünken Dich zu haben. Doch hast der Gaben schönste Du erblickt? Die Liebe ist′s die Dir aus allen Blicken Entgegendringt, das kindliche Entzücken Das Dich und uns an diesem Tag beglückt.

Doch sag woher den tränenschweren Blick, Der uns betrübt an unsrem Freudentage? Ist nicht vollendet unsres Hauses Glück? So stört uns noch der Mutter stille Klage? Ist es Erinnerung was Dir das Auge trübt? Gedenkst Du wohl an die, so früh geschieden, Die schon enteilten zu dem ew′gen Frieden Die Du so zärtlich alle hast geliebt?

Hernieder schwebten sie vom schönern Land Sie stehen hier in ihrer Kinder Kreise, Sie führen uns zur Mutter, Hand in Hand, Und rings um Dich erblickst Du keine Waise; Und leise lispeln sie Dir ihren Dank, Daß Du bewahrtest, wie Du fest geschworen, Die Kleinen, die sie nicht für sich geboren, Und daß das Werk so herrlich Dir gelang.

Drum freut euch Kinder, freut euch und gedenkt Daß wo der Stern der Gnade aufgegangen Auch uns ein Licht der Liebe ward geschenkt, Das mit so warmer Treue uns umfangen. - Fest hoffen wir noch lange Dich zu sehn In heitrer Ruh umspielt von Deinen Lieben Bis Du uns zuführst den Geliebten drüben, Ja! dieser Glaube kann nicht untergehn.

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Illustration zu Wilhelm der lieben Mutter an ihrem Geburtstage

Interpretation

Das Gedicht "Wilhelm der lieben Mutter an ihrem Geburtstage" von Wilhelm Hauff ist eine bewegende Hommage an eine Mutter, die von ihren Kindern am Geburtstag gefeiert wird. Der Sprecher, vermutlich einer der Söhne, bringt der Mutter seine aufrichtigen Gefühle als Geschenk dar, die er in seinem Herzen trägt. Er betont, dass die Liebe und das kindliche Entzücken der Kinder die schönsten Gaben sind, die die Mutter an diesem Tag empfangen kann. Im zweiten Teil des Gedichts thematisiert der Sprecher die Tränen der Mutter, die durch Erinnerungen an verstorbene Kinder hervorgerufen werden. Diese Kinder, die früh verstorben sind, werden als Schutzengel dargestellt, die von oben herabkommen und sich im Kreis der Geschwister um die Mutter versammeln. Sie danken ihr dafür, dass sie die anderen Kinder, die sie nicht selbst geboren hat, so liebevoll aufgenommen und großgezogen hat. Der letzte Teil des Gedichts ist eine Aufforderung an die Kinder, sich zu freuen und dankbar zu sein für die Liebe und Fürsorge der Mutter. Der Sprecher drückt die Hoffnung aus, dass die Mutter noch lange inmitten ihrer liebenden Familie leben wird, bis sie eines Tages die verstorbenen Kinder im Jenseits wiedersehen wird. Der Glaube an diese Wiedervereinigung wird als unerschütterlich dargestellt und verleiht dem Gedicht eine tröstliche und erhebende Note.

Schlüsselwörter

mutter kinder mög kleinen gaben glücklich hast liebe

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Mög es Dir Freude bringen
Enjambement
Sie führen uns zur Mutter, Hand in Hand
Hyperbel
Wie glücklich jedes, daß es etwas bringt
Kontrast
tränenschweren Blick / Freudentage
Metapher
Das Kindliche Entzücken Das Dich und uns an diesem Tag beglückt
Personifikation
Daß wo der Stern der Gnade aufgegangen
Rhetorische Frage
Doch sag woher den tränenschweren Blick
Symbolik
Stern der Gnade