Wiegenlied

Erich Kurt Mühsam

1915

Still, mein armes Söhnchen, sei still. Weine mich nicht um mein bißchen Verstand. Weißt ja noch nichts vom Vaterland, daß es dein Leben einst haben will. Sollst fürs Vaterland stechen und schießen, sollst dein Blut in den Acker gießen, wenn es der Kaiser befiehlt und will. - Still, mein Söhnchen, sei still!

Trink, mein Söhnchen, von meiner Brust. Trink, dann wirst du ein starker Held, ziehst mit den andern hinaus ins Feld. Vater hat auch hinaus gemußt. Vater ward wider Willen und Hoffen von einer Kugel ins Herz getroffen. Aus ist nun seine und meine Lust. - Trink von der Mutter Brust!

Freu dich, goldiges Söhnchen, und lach. Bist du ein Mann einst, kräftig und groß, wirst du das Lachen von selber los. Fröhlich bleibt nur, wer krank ist und schwach. Vater war lustig. Ich hab ihn verloren, hab dann dich unter Schmerzen geboren - hörst drum ewig mein bitteres Ach! Freu dich, Söhnchen, und lach!

Schlaf, mein süßes Söhnchen, o schlaf. Weißt ja noch nichts von Unheil und Not, weißt nichts von Vaters Heldentod, als ihn die bleierne Kugel traf. Früh genug wird der Krieg und der Schrecken dich zum ewigen Schlummer erwecken … Friede, behüt meines Kindes Schlaf! - Schlaf, mein Söhnchen, o schlaf …

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Illustration zu Wiegenlied

Interpretation

Das Gedicht "Wiegenlied" von Erich Kurt Mühsam ist ein kritisches Werk, das die Verherrlichung des Krieges und den Verlust junger Leben durch militärische Konflikte anprangert. Es beginnt mit einer Mutter, die ihr Kind beruhigt und ihm von den grausamen Realitäten des Vaterlandes und der Pflicht, für dieses zu kämpfen, erzählt. Die Mutter erinnert sich an den Tod des Vaters, der ebenfalls zum Krieg ziehen musste und von einer Kugel ins Herz getroffen wurde. Sie ermutigt das Kind, stark zu werden und eines Tages ebenfalls in den Krieg zu ziehen, obwohl sie weiß, dass dies das Kind in Gefahr bringen wird. Die zweite Strophe des Gedichts beschreibt, wie die Mutter ihr Kind stillt und ihm Mut macht, ein starker Held zu werden. Sie erinnert sich an den Vater, der ebenfalls in den Krieg ziehen musste und von einer Kugel getötet wurde. Die Mutter ermutigt das Kind, stark zu werden und eines Tages ebenfalls in den Krieg zu ziehen, obwohl sie weiß, dass dies das Kind in Gefahr bringen wird. Die dritte Strophe des Gedichts beschreibt, wie die Mutter ihr Kind ermutigt, fröhlich zu sein und zu lachen. Sie erinnert sich an den Vater, der ebenfalls fröhlich war, aber im Krieg getötet wurde. Die Mutter ermutigt das Kind, stark zu werden und eines Tages ebenfalls in den Krieg zu ziehen, obwohl sie weiß, dass dies das Kind in Gefahr bringen wird. Das Gedicht endet mit der Bitte der Mutter, dass das Kind schlafen möge und von den schrecklichen Realitäten des Krieges verschont bleibe.

Schlüsselwörter

söhnchen schlaf still weißt trink vater vaterland einst

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Vater war lustig. Ich hab ihn verloren
Anapher
Still, mein armes Söhnchen, sei still.
Antithese
Fröhlich bleibt nur, wer krank ist und schwach.
Bildsprache
ziehst mit den andern hinaus ins Feld
Enjambement
wirst du das Lachen von selber los. / Fröhlich bleibt nur, wer krank ist und schwach.
Hyperbel
Vater war lustig. Ich hab ihn verloren
Ironie
Freu dich, goldiges Söhnchen, und lach
Kontrast
Fröhlich bleibt nur, wer krank ist und schwach
Metapher
von einer Kugel ins Herz getroffen
Parallelismus
Weißt ja noch nichts von Unheil und Not, weißt nichts von Vaters Heldentod
Personifikation
daß es dein Leben einst haben will
Rhetorische Frage
Weißt ja noch nichts vom Vaterland
Synästhesie
von einer Kugel ins Herz getroffen
Wiederholung
Still, mein Söhnchen, sei still!
Wortwiederholung
Trink, mein Söhnchen, von meiner Brust.