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Wiegenlied für meinen Jungen

Von

Schlaf, mein Küken; Racker, schlafe!
Kuck: im Spiegel stehn zwei Schafe,
bläkt ein großes, mäkt ein kleines,
und das kleine, das ist meines!
Bengel, Bengel, brülle nicht,
du verdammter Strampelwicht.

Still, mein süßes Engelsfüllen:
morgen regnet′s Zuckerpillen,
übermorgen blanke Dreier,
nächste Woche goldne Eier,
und der liebe Gott, der lacht,
daß der ganze Himmel kracht.

Und du kommst und nimmst die Spenden,
säst sie aus mit Sonntagshänden,
und die Erde blüht von Farben,
und die Menschen tun′s in Garben –
Herrr, den Bengel kümmert nischt,
was man auch für Lügen drischt!

Warte nur, du Satansrachen:
heute Nacht, du kleiner Drachen,
durch den roten Höllenbogen
kommt ein Schmetterling geflogen,
huscht dir auf die Nase, huh,
deckt dir beide Augen zu –

deckt die Flügel sacht zusammen,
daß du träumst von stillen Flammen,
von zwei Flammen, die sich fanden,
Hölle Himmel still verbanden – –
So, nun schläft er; es gelang;
Himmel Hölle, Gott sei Dank!

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Gedicht: Wiegenlied für meinen Jungen von Richard Dehmel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Wiegenlied für meinen Jungen“ von Richard Dehmel ist ein zärtlich-ironisches Wiegenlied, das auf vielfältige Weise die Ambivalenz der elterlichen Liebe widerspiegelt. Es beginnt mit liebevollen Kosenamen, „Küken“ und „Racker“, und der humorvollen Beschreibung von „Schafen“ im Spiegel, die das Kind amüsieren sollen. Der Wechsel zwischen liebevollen und leicht tadelnden Worten wie „Bengel“ und „verdammter Strampelwicht“ deutet bereits auf die innere Zerrissenheit der Eltern hin: Einerseits wird das Kind innig geliebt, andererseits wird die Anstrengung und die Geduld, die die Erziehung erfordert, angedeutet.

Der zweite Teil des Gedichts nimmt eine kindlich-phantasievolle Gestalt an. Die Eltern versprechen dem Kind himmlische Gaben: „Zuckerpillen“, „blanke Dreier“ und „goldne Eier“. Diese übertriebenen Versprechungen zeigen die kindliche Vorstellungswelt und die elterliche Sehnsucht nach dem Glück des Kindes. Zugleich ist eine unterschwellige Kritik an der kindlichen Unfähigkeit, die Realität zu begreifen, und am Wunsch nach materiellen Dingen erkennbar, was durch die Zeile „Herrr, den Bengel kümmert nischt, / was man auch für Lügen drischt!“ zum Ausdruck kommt.

Im dritten und vierten Teil des Gedichts wird die Fantasie des Kindes auf eine dunklere Ebene gehoben. Der „kleine Drachen“ wird durch einen Schmetterling verzaubert, der ihm sanfte Träume von „stillen Flammen“ und der Verbindung von Himmel und Hölle beschert. Dieser Übergang von kindlicher Freude zu einer traumhaften Welt, in der Gegensätze verschmelzen, deutet auf die komplexen emotionalen Erfahrungen und die tiefgreifende Sehnsucht nach Frieden und Harmonie hin, die das Kind im Schlaf erlebt.

Das Gedicht endet mit der Erleichterung der Eltern, dass das Kind eingeschlafen ist: „So, nun schläft er; es gelang; / Himmel Hölle, Gott sei Dank!“. Diese Schlusszeilen fassen die Widersprüche der elterlichen Liebe zusammen: Die Freude über die Ruhe, die Erschöpfung durch die Anstrengung und das tiefe Gefühl der Dankbarkeit für das Wunder des Kindes. Dehmel zeichnet hier ein ehrliches Bild von der Liebe zwischen Eltern und Kind, die sowohl von Zärtlichkeit als auch von den Unwägbarkeiten des Lebens geprägt ist.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.