Wiegenlied für meinen Jungen

Richard Dehmel

1863

Schlaf, mein Küken; Racker, schlafe! Kuck: im Spiegel stehn zwei Schafe, bläkt ein großes, mäkt ein kleines, und das kleine, das ist meines! Bengel, Bengel, brülle nicht, du verdammter Strampelwicht.

Still, mein süßes Engelsfüllen: morgen regnet′s Zuckerpillen, übermorgen blanke Dreier, nächste Woche goldne Eier, und der liebe Gott, der lacht, daß der ganze Himmel kracht.

Und du kommst und nimmst die Spenden, säst sie aus mit Sonntagshänden, und die Erde blüht von Farben, und die Menschen tun′s in Garben - Herrr, den Bengel kümmert nischt, was man auch für Lügen drischt!

Warte nur, du Satansrachen: heute Nacht, du kleiner Drachen, durch den roten Höllenbogen kommt ein Schmetterling geflogen, huscht dir auf die Nase, huh, deckt dir beide Augen zu -

deckt die Flügel sacht zusammen, daß du träumst von stillen Flammen, von zwei Flammen, die sich fanden, Hölle Himmel still verbanden - - So, nun schläft er; es gelang; Himmel Hölle, Gott sei Dank!

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Illustration zu Wiegenlied für meinen Jungen

Interpretation

Das Gedicht "Wiegenlied für meinen Jungen" von Richard Dehmel ist ein humorvolles und zugleich liebevolles Wiegenlied für einen Sohn. Es beginnt mit dem Versuch des Vaters, sein Kind zum Schlafen zu bringen, wobei er es spielerisch als "Küken" und "Racker" anspricht. Die Verwendung von Spiegelbildern, wie den zwei Schafen, symbolisiert die enge Beziehung zwischen Vater und Sohn. In der zweiten Strophe verspricht der Vater seinem Kind eine utopische Welt voller Süßigkeiten und Reichtümer, was die kindliche Vorstellungskraft und den Wunsch nach einer sorgenfreien Zukunft widerspiegelt. Der Himmel, der kracht, könnte als Metapher für die überwältigende Freude und das Glück stehen, das das Kind in dieser imaginierten Welt erfahren würde. Die dritte Strophe beschreibt, wie das Kind die "Gaben" der Welt mit offenen Armen empfängt und verbreitet, was auf die Unschuld und die reine Freude des Kindes an der Welt hindeutet. Die Erwähnung der "Lügen" könnte darauf hindeuten, dass Erwachsene oft komplizierte und manchmal unglaubwürdige Geschichten erzählen, um Kinder zu beruhigen oder zu unterhalten. In der letzten Strophe droht der Vater spielerisch mit einem Schmetterling, der durch die "Hölle" kommt, was eine humorvolle Anspielung auf die kindliche Angst vor Monstern oder unheimlichen Kreaturen sein könnte. Der Schmetterling bedeckt die Augen des Kindes und lässt es von "stillen Flammen" träumen, was eine poetische Beschreibung des sanften Einschlafens sein könnte. Das Gedicht endet mit der Erleichterung des Vaters, dass das Kind endlich eingeschlafen ist, und einem Ausdruck der Dankbarkeit, dass die "Hölle" (die Unruhe) vorbei ist und der "Himmel" (der friedliche Schlaf) eingekehrt ist.

Schlüsselwörter

bengel himmel zwei still gott deckt flammen hölle

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Stilmittel

Alliteration
Bengel, Bengel, brülle nicht
Bildsprache
kommt ein Schmetterling geflogen, huscht dir auf die Nase, huh, deckt dir beide Augen zu
Hyperbel
morgen regnet's Zuckerpillen, übermorgen blanke Dreier, nächste Woche goldne Eier
Ironie
Bengel, Bengel, brülle nicht, du verdammter Strampelwicht.
Kontrast
von zwei Flammen, die sich fanden, Hölle Himmel still verbanden
Metapher
Schlaf, mein Küken; Racker, schlafe!
Personifikation
Und der liebe Gott, der lacht, daß der ganze Himmel kracht.
Symbolik
heute Nacht, du kleiner Drachen