Wiedersehen
1870- Und ich sah Dich wieder, Sah Dein Haar ergraut In schwerer Pflichterfüllung, Und sah die Linien, Die herber Trotz Und bittre Menschenverachtung Um Deine schmalen, Blutlosen Lippen gezogen.
Mit halbverschleierter Müder Stimme, In der nur selten Ein lichter Ton der Freude Schüchtern emporklang, Erzähltest Du mir Von Deines Lebens Dornigen Wanderzügen Und qualvollen Kämpfen.
Ich und Du, Wir hätten gerne Von gemeinsam verlebten Seligen Stunden gesprochen, Von unvergessenen, Liebesschwülen Tagen, - Aber keines von uns Beiden Fand das heißersehnte, Das richtige Wort.
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Interpretation
Das Gedicht "Wiedersehen" von Felix Dörmann beschreibt ein Treffen zweier Menschen, die sich nach langer Zeit wiedersehen. Die Atmosphäre ist von Melancholie und Resignation geprägt. Die Person, der der Erzähler begegnet, wirkt gealtert und erschöpft. Ihr Haar ist ergraut, und ihre Lippen sind schmal und blutleer, was auf ein hartes Leben hindeutet. Die Linien um ihren Mund zeugen von Trotz und Verachtung gegenüber den Menschen, was auf Enttäuschungen und Verbitterung schließen lässt. Im Gespräch erzählt die Person von den "dornigen Wanderzügen" und "qualvollen Kämpfen" ihres Lebens. Die müde Stimme mit nur selten aufleuchtenden Tönen der Freude unterstreicht die Schwere der erlebten Jahre. Beide hätten gerne von schönen, gemeinsamen Erinnerungen gesprochen, von "liebesschwülen Tagen", doch keiner findet die richtigen Worte. Diese Unfähigkeit zu kommunizieren symbolisiert die Kluft, die die Zeit und die erlittenen Härten zwischen ihnen geschaffen haben. Das Gedicht thematisiert die Vergänglichkeit der Zeit und die Veränderungen, die das Leben an Menschen vornimmt. Die einstige Intimität und Verbundenheit ist durch die Last der Erfahrungen erstickt worden. Die Unfähigkeit, sich über die schönen Momente auszutauschen, verdeutlicht die tiefe Entfremdung und das Gefühl des Verlusts. Das "Wiedersehen" wird so zu einem schmerzhaften Moment der Erkenntnis, dass die Vergangenheit nicht mehr lebendig ist und die Gegenwart von Einsamkeit und Resignation geprägt ist. Dörmann nutzt eindringliche Bilder und eine düstere Stimmung, um die emotionale Tiefe des Gedichts zu vermitteln. Die Naturbilder wie "dornige Wanderzüge" und "bittere Menschenverachtung" verstärken das Gefühl von Schmerz und Entfremdung. Das Gedicht hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck von der Vergänglichkeit der Jugend und der unausweichlichen Veränderung durch die Zeit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Mit halbverschleierter Müder Stimme
- Bildsprache
- Und sah die Linien, Die herber Trotz Und bittre Menschenverachtung Um Deine schmalen, Blutlosen Lippen gezogen.
- Enjambement
- [Und ich sah Dich wieder, Sah Dein Haar ergraut Von Deines Lebens Dornigen Wanderzügen Von gemeinsam verlebten Seligen Stunden gesprochen]
- Kontrast
- In der nur selten Ein lichter Ton der Freude Schüchtern emporklang
- Metapher
- [Und ich sah Dich wieder, Sah Dein Haar ergraut Von Deines Lebens Dornigen Wanderzügen]