Wiederfinden

Johann Wolfgang von Goethe

1832

Ist es möglich! Stern der Sterne, Drück ich wieder dich ans Herz! Ach, was ist die Nacht der Ferne Für ein Abgrund, für ein Schmerz! Ja, du bist es! meiner Freuden Süßer, lieber Widerpart; Eingedenk vergangner Leiden, Schaudr′ ich vor der Gegenwart.

Als die Welt im tiefsten Grunde Lag an Gottes ew′ger Brust, Ordnet′ er die erste Stunde Mit erhabner Schöpfungslust, Und er sprach das Wort: “Es werde!” Da erklang ein schmerzlich Ach! Als das All mit Machtgebärde In die Wirklichkeiten brach.

|Auf tat sich das Licht: so trennte Scheu sich Finsternis von ihm, Und sogleich die Elemente Scheidend auseinander fliehn. Rasch, in wilden, wüsten Träumen Jedes nach der Weite rang,

Starr, in ungemeßnen Räumen, Ohne Sehnsucht, ohne Klang.

Stumm war alles, still und öde, Einsam Gott zum erstenmal! Da erschuf er Morgenröte, Die erbarmte sich der Qual; Sie entwickelte dem Trüben Ein erklingend Farbenspiel, Und nun konnte wieder lieben, Was erst auseinander fiel.

Und mit eiligem Bestreben Sucht sich, was sich angehört; Und zu ungemeßnem Leben Ist Gefühl und Blick gekehrt. Sei′s Ergreifen, sei es Raffen, Wenn es nur sich faßt und hält! Allah braucht nicht mehr zu schaffen, Wir erschaffen seine Welt.

So, mit morgenroten Flügeln, Riß es mich an deinen Mund, Und die Nacht mit tausend Siegeln Kräftigt sternenhell den Bund. Beide sind wir auf der Erde Musterhaft in Freud und Qual,

Und ein zweites Wort: Es werde! Trennt uns nicht zum zweitenmal.

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Illustration zu Wiederfinden

Interpretation

Das Gedicht "Wiederfinden" von Johann Wolfgang von Goethe handelt von der Freude und dem Schmerz der Wiedervereinigung mit einem geliebten Menschen nach langer Trennung. Der Sprecher drückt seine überwältigende Emotion aus, als er die geliebte Person wieder in die Arme schließen kann, und reflektiert über die Qual der Abwesenheit, die wie ein Abgrund empfunden wurde. Die Erinnerung an vergangenes Leid lässt ihn vor der gegenwärtigen Freude erzittern. Goethe nutzt die Schöpfungsgeschichte als Metapher für die Wiedervereinigung und das Finden der Liebe. Die Trennung der Elemente und die Stille der Welt symbolisieren die Isolation und das Fehlen von Verbindung, bis die Morgendämmerung, als Sinnbild für Hoffnung und Erneuerung, erscheint. Die Morgendämmerung bringt Farbe und Klang in die Welt zurück, was die Wiederkehr der Liebe und das Streben nach Vereinigung darstellt. Die Menschen erschaffen durch ihre Gefühle und ihren Blick die Welt neu, indem sie das, was zusammengehört, wieder zusammenführen. Das Gedicht endet mit der Gewissheit, dass die wiedergefundene Liebe auf der Erde Bestand haben wird, gestärkt durch die Nacht und die Sterne. Der Sprecher und die Geliebte sind Vorbilder für Freude und Leid, und das zweite Wort "Es werde!" soll ihre Trennung nicht wiederholen. Die Liebe wird als eine Kraft dargestellt, die stärker ist als die ursprüngliche Schöpfung, und die das Paar für immer verbindet.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Scheu sich Finsternis von ihm
Anapher
Ist es möglich! Stern der Sterne, Drück ich wieder dich ans Herz! Ach, was ist die Nacht der Ferne Für ein Abgrund, für ein Schmerz!
Bildsprache
Und zu ungemeßnem Leben Ist Gefühl und Blick gekehrt
Hyperbel
Und die Nacht mit tausend Siegeln Kräftigt sternenhell den Bund
Kontrast
Starr, in ungemeßnen Räumen, Ohne Sehnsucht, ohne Klang
Metapher
Mit morgenroten Flügeln, Riss es mich an deinen Mund
Parallelismus
Sei's Ergreifen, sei es Raffen, Wenn es nur sich faßt und hält!
Personifikation
Morgenröte, Die erbarmte sich der Qual
Symbolik
Allah braucht nicht mehr zu schaffen, Wir erschaffen seine Welt