Wie soll ich dich empfangen

Paul Gerhardt

1607

Wie soll ich dich empfangen und wie begegn’ ich dir o aller Welt Verlangen o meiner Seelen Zier? O Jesu, Jesu, setze mir selbst die Fackel bei, damit, was dich ergötze, mir kund und wissen sei! Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin, und ich will dir in Psalmen ermuntern meinen Sinn. Mein Herze soll dir grünen, in stetem Lob und Preis und deinem Namen dienen, so gut es kann und weiß. Was hast du unterlassen zu meinem Trost und Freud, als Leib und Seele saßen in ihrem größten Leid ? Als mir das Reich genommen, da Fried und Freude lacht, da bist du, mein Heil, kommen und hast mich froh gemacht. Ich lag in schweren Banden, du kommst und machst mich los; ich stand in Spott und Schanden, du kommst und machst mich groß und hebst mich hoch zu Ehren und schenkst mir großes Gut, das sich nicht läßt verzehren, wie irdisch Reichtum tut. Nichts, nichts hat dich getrieben zu mir vom Himmelszelt als das geliebte Lieben, damit du alle Welt in ihren tausend Plagen und großen Jammerlast, die kein Mund kann aussagen, so fest umfangen hast. Das schreib dir in dein Herze, du hochbetrübtes Heer, bei denen Gram und Schmerze sich häuft je mehr und mehr; seid unverzagt, ihr habet die Hilfe vor der Tür; der eure Herzen labet und tröstet, steht allhier. Ihr dürft euch nicht bemühen noch sorgen Tag und Nacht, wie ihr ihn wollet ziehen mit eures Armes Macht. Er kommt, er kommt mit Willen, ist voller Lieb und Lust, all Angst und Not zu stillen, die ihm an euch bewußt. Auch dürft ihr nicht erschrecken vor eurer Sünden Schuld; nein, Jesus will sie decken mit seiner Lieb und Huld. Er kommt, er kommt den Sündern zu Trost und wahrem Heil, schafft, daß bei Gottes Kindern verbleib ihr Erb und Teil. Was fragt ihr nach dem Schreien der Feind und ihrer Tück? Der Herr wird sie zerstreuen in einem Augenblick. Er kommt, er kommt, ein König, dem wahrlich alle Feind auf Erden viel zu wenig zum Widerstande seind. Er kommt zum Weltgerichte: zum Fluch dem, der ihm flucht, mit Gnad und süßem Lichte dem, der ihn liebt und sucht. Ach komm, ach komm, o Sonne, und hol uns allzumal zum ewgen Licht und Wonne in deinen Freudensaal.

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Illustration zu Wie soll ich dich empfangen

Interpretation

Das Gedicht "Wie soll ich dich empfangen" von Paul Gerhardt ist ein tief empfundenes geistliches Lied, das die Sehnsucht des lyrischen Ichs nach der Begegnung mit Jesus Christus zum Ausdruck bringt. Der Sprecher fragt, wie er den Erlöser empfangen und ihm begegnen soll, und bittet Jesus, ihm selbst die Fackel zu setzen, damit er versteht, was ihn erfreut. Die Metapher der Fackel symbolisiert die Erleuchtung und Führung durch den Glauben, um die göttliche Liebe und Gnade zu erkennen. In den folgenden Strophen vergleicht der Sprecher die Huldigung der Menschen mit der biblischen Szene des Einzugs Jesu in Jerusalem, wo ihm Palmzweige entgegengetragen wurden. Er verspricht, sein Herz als grünes Palmenblatt darzubieten und ständig Lob und Preis zu singen. Das lyrische Ich erinnert sich an die vergangenen Leiden und wie Jesus in Zeiten der Not Trost und Erlösung gebracht hat. Die Bildsprache von Banden, Spott und Schande, aus denen Jesus befreit, verdeutlicht die transformative Kraft des Glaubens und die Hoffnung auf geistliche Erneuerung. Das Gedicht schließt mit einer tröstlichen Botschaft an die "hochbetrübten" Gläubigen, die in Not und Kummer sind. Der Sprecher ermutigt sie, standhaft zu bleiben, da die Hilfe nahe ist. Jesus kommt aus Liebe und nicht aus Zwang, um Angst und Not zu stillen. Die Sünde wird durch seine Liebe und Gnade bedeckt, und er bringt Trost und Heil für die Sünder. Das Gedicht endet mit der Erwartung des jüngsten Gerichts und der Einladung an Jesus, die "Sonne", alle in den "Freudensaal" des ewigen Lichts und der Wonne zu holen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Er kommt, er kommt
Apostrophe
O Jesu, Jesu
Hyperbel
der eure Herzen labet und tröstet, steht allhier
Metapher
Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin
Personifikation
Der Herr wird sie zerstreuen in einem Augenblick
Rhetorische Frage
Wie soll ich dich empfangen und wie begegne ich dir
Synästhesie
zu meinem Trost und Freud
Tautologie
so gut es kann und weiß