Wie manches Lied
1605Wie manches Lied hab ich zu der Zeit aufgesetzt, Mit dem sich Königsberg noch diese Stund ergetzt Zu Zeiten rührt ich auch die Saiten meiner Geigen. Die Vögel sungen mit und zwangen mich zu schweigen Im stillen Pregel schrie der geilen Frösche Schar, Am Laube ward ich dann der Raupen wohl gewahr, Die weiße Rose ward bestohlen von den Bienen Indessen kamst Du, und Blum samt Roberthinen, Auch Fauljoch, der mit uns so manchen lieben Tag In Zucht gemäßer Lust hinwegzubringen pflag. Welch Anmut oder Scherz ist damals hinten blieben! Wer zählt die Fröhlichkeit, mit welcher wir vertrieben Die noch so kurzen Tag? … … Dies Ort war wie man spürt Mit Erd am Pregelstrom in etwas aufgeführt. … Hat Rom so manches Reich, so manches Volk verheert Ein Got und Wend hat oft sie selbst ganz umgekehrt. O könnt ich Deiner doch, o Magdeburg, hie Schweigen. Was kannst uns Du jetzt noch von Deiner Schönheit zeigen! Ich habe Dich gesehen und oft gesagt, Du mußt Des Höchsten Gnüge sein, sein Herz und beste Lust. Ist aber dieses Lieb? Ist dieses Gunst gewesen, Daß er uns andern dich zum Scheusal hat erlesen? Und war er dazumal in deine Schön entbrannt, Als er dich übergab in deiner Feinde Hand? Als Schänden, Raub und Tod zu dir sind eingewzogen Und du in einer Glut bist himmelauf geflogen? Die Elbe sich verfärbt und in dein Glut versteckt Und wußte keinen Lauf, mit Leichen zugedeckt?
Wo laß ich, Deutschland, dich? Du bist durch Beut und Morden, Die dreißig Jahr her nun, dein Hencker selbst geworden Und hast dich hingewürgt: denn deiner Freiheit Ruhm Die deine Seele war und bestes Eigentum Muß in den Fesseln gehen die Glut ist zwar geleget Die doch betrieglich noch sich in der Aschen reget Sobald zeucht einer aus das wilde Kriegesschwert, Das wirderum sehr schwer in seine Scheide fährt. O würden wir doch klug durch fremder Not und Schaden, Ohn Zweifel kämen wir bei Gott hiedurch zu Gnaden! Das Gute, so uns hält umgeben in Gemein, Würd’ unsrer Kinder auch, ja Kindeskinder sein. Mein Albert, werter Freund, laß uns tun, was wir können, Will gleich die Zeit so kurz uns hie zu sein vergönnen, Wir zwingen ihren Zwang, sie wüte wie sie kann, Sie greift nicht unsern Geist, noch seine Gaben an. Der führt das Glück und sie im Fall er will gefangen Und kann in Not und Streit zu seiner Ruh gelangen, Dem Wetter, wenn es stürmt, auf eine zeitlang weicht Und nachmals auf sein Ziel mit vollen Segel streicht … Es ist kein Reim wofern ihn Geist und Leben schreibt, Der uns der Ewigkeit nicht einverleibt.
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Interpretation
Das Gedicht "Wie manches Lied" von Simon Dach ist eine vielschichtige Reflexion über Zeit, Vergänglichkeit und menschliche Erfahrungen. Es beginnt mit einer nostalgischen Rückschau auf vergangene Zeiten in Königsberg, wo der Dichter gemeinsam mit Freunden wie Blum, Roberthinen und Fauljoch fröhliche Tage verbrachte. Die Natur wird als harmonischer Begleiter dargestellt, wobei Vögel, Frösche und Bienen eine lebendige Atmosphäre schaffen. Diese idyllische Erinnerung steht im Kontrast zu den späteren, düsteren Betrachtungen über die Zerstörung von Magdeburg und die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland. Der zweite Teil des Gedichts wendet sich der Tragödie von Magdeburg zu, das der Dichter als ein Werk göttlicher Schönheit und Gnade ansah. Er fragt sich, warum Gott dieses "Schönste" den Feinden preisgegeben hat, was zu Schändung, Raub und Tod führte. Die Metapher der "Glut", in der sich Magdeburg "himmelauf geflogen" ist, symbolisiert die vernichtende Zerstörung der Stadt. Diese Zerstörung wird als Teil eines größeren, tragischen Geschehens in Deutschland gesehen, das sich selbst durch 30 Jahre Krieg und Mord zum Henker gemacht hat. Die Freiheit, einst die "Seele" und das "beste Eigentum" Deutschlands, ist in Fesseln gelegt, obwohl die Glut der Leidenschaft noch in der Asche glimmt. Im letzten Teil appelliert der Dichter an seinen Freund Albert, das Beste aus der begrenzten Zeit zu machen und sich nicht vom Schicksal unterkriegen zu lassen. Er betont die Bedeutung von Weisheit, die aus dem Leid anderer gewonnen wird, und die Hoffnung auf göttliche Gnade. Der Geist und seine Gaben bleiben unantastbar, selbst wenn das äußere Glück wechselt. Das Gedicht schließt mit der Aussage, dass wahre Poesie, die von Geist und Leben geschrieben wird, uns mit der Ewigkeit verbindet. Es ist eine Mahnung zur inneren Freiheit und geistigen Unabhängigkeit angesichts äußerer Zerstörung und Vergänglichkeit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Welch Anmut oder Scherz ist damals hinten blieben
- Anapher
- O könnt ich Deiner doch, o Magdeburg, hie Schweigen
- Bildsprache
- Die weiße Rose ward bestohlen von den Bienen
- Hyperbel
- Hat Rom so manches Reich, so manches Volk verheert
- Kontrast
- Mein Albert, werter Freund, laß uns tun, was wir können, Will gleich die Zeit so kurz uns hie zu sein vergönnen
- Metapher
- Die Vögel sungen mit und zwangen mich zu schweigen
- Personifikation
- Die Elbe sich verfärbt und in dein Glut versteckt
- Rhetorische Frage
- Ist aber dieses Lieb? Ist dieses Gunst gewesen