Wie man sich irren kann

Kathinka Zitz-Halein

unknown

Ich hielt dein Herz einst für ein tiefes Meer, Auf dessen Grund viel edle Perlen lägen. Beim Tauchen fand ich alle Muscheln leer, Scheußlich Gewürm nur that die Tiefe hegen. Ich fand den Schwertfisch roher Wankellaunen, Das Molchgezücht der Heuchelei und Lüge - Entsetzen faßte mich und schmerzlich Staunen, Ist’s möglich, daß die Außenseit’ so trüge.

Die Oberfläche war so spiegelglatt, Die Flut schien mir so durchsichtig und helle, Sie ließ nicht ahnen was die Tiefe hat, So manchen Riff, so manche Klippenstelle. Die Leidenschaften, die dort schrecklich stürmen, Sind wildverzerrte, scheußliche Gestalten, Die bald sich flieh’n, bald aufeinander thürmen, Im steten Kampf als feindliche Gewalten.

Ich hing an einem spitzen Felsenriff, Vom Wogensturm zerwirbelt und zerschlagen; Da hat mich einer Welle kühner Griff, Zur Oberfläche rasch zurückgetragen. Am Ufer lieg’ ich nun mit meinen Wunden, Und keine Hand kann Balsam für sie pressen, Denn was ich in der dunkeln Tief’ gefunden, Kann ich im Sonnenlichte nicht vergessen.

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Illustration zu Wie man sich irren kann

Interpretation

Das Gedicht "Wie man sich irren kann" von Kathinka Zitz-Halein handelt von der Enttäuschung und dem Schmerz, der entsteht, wenn man die wahre Natur eines Menschen erkennt. Die Sprecherin vergleicht das Herz des Geliebten mit einem tiefen Meer, in dem sie edle Perlen vermutet. Doch bei ihrem Versuch, diese zu finden, stößt sie nur auf Leere und Abscheulichkeit. Sie entdeckt die verborgenen Seiten des Herzens, die von Heuchelei, Lügen und wilden Leidenschaften geprägt sind. Die Oberfläche des Meeres erscheint anfangs spiegelglatt und durchsichtig, was die Sprecherin in die Irre führt. Sie ahnt nicht, welche Gefahren und Abgründe sich in der Tiefe verbergen. Die Leidenschaften, die dort toben, werden als groteske und furchterregende Gestalten beschrieben, die in ständigem Kampf gegeneinander stehen. Die Sprecherin selbst gerät in diese gefährliche Situation hinein und wird von den Wellen hin und her geworfen. Am Ende des Gedichts findet sich die Sprecherin am Ufer wieder, verletzt und allein. Sie ist nicht in der Lage, ihre Wunden zu heilen, da die Erinnerungen an das, was sie in der Tiefe entdeckt hat, zu tief sitzen. Die Erfahrung hat sie für immer verändert und sie wird die wahre Natur des Herzens des Geliebten nicht vergessen können. Das Gedicht verdeutlicht die schmerzhafte Erkenntnis, dass die äußere Erscheinung oft trügt und dass die inneren Abgründe eines Menschen erst im Laufe einer Beziehung zum Vorschein kommen.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Bildsprache
Ich hing an einem spitzen Felsenriff, Vom Wogensturm zerwirbelt und zerschlagen
Hyperbel
So manchen Riff, so manche Klippenstelle
Kontrast
Ich hielt dein Herz einst für ein tiefes Meer, Auf dessen Grund viel edle Perlen lägen. Beim Tauchen fand ich alle Muscheln leer
Metapher
Ich hielt dein Herz einst für ein tiefes Meer
Personifikation
Die Leidenschaften, die dort schrecklich stürmen
Symbolik
Das Molchgezücht der Heuchelei und Lüge
Vergleich
Die Oberfläche war so spiegelglatt