Wie ich dich liebe!
Denn ich liebe alle dunkeln Fragen,
die die Wahrheit hinterm Auge tragen, –
und die Worte lieb ich, die verschwiegen
auf dem Grunde einer Lüge liegen. –
Sag′ mir nichts! – Ich will aus deinem Wesen
tief heraus mir jedes Goldkorn lesen; –
aus dem Schimmer der Verschwiegenheiten
will ich deiner Seele Bild bereiten;
und es soll in meinem Herzen stehn,
hauchlos rein – und nur für dich zu sehn.
Wie ich dich liebe!
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Wie ich dich liebe!“ von Erich Mühsam ist eine Liebeserklärung, die sich von konventionellen Ausdrucksformen abhebt. Es ist keine Lobpreisung äußerlicher Schönheit oder oberflächlicher Qualitäten, sondern eine Hingabe an das Geheimnisvolle, das Verborgene im geliebten Menschen. Der Dichter wendet sich von den offensichtlichen, klaren Botschaften ab und konzentriert sich auf das, was unausgesprochen bleibt, auf die „dunkeln Fragen“ und die „Worte, die verschwiegen / auf dem Grunde einer Lüge liegen.“ Diese Präferenz für das Verborgene deutet auf eine tiefe Sehnsucht nach authentischer Erkenntnis und ein Verständnis für die Komplexität der menschlichen Seele hin.
Die Anweisung „Sag‘ mir nichts!“ ist zentral für das Verständnis des Gedichts. Der Dichter sucht nicht nach Erklärungen oder Offenbarungen durch Worte, sondern nach einer tieferen, stillen Wahrheit, die sich in den Verschwiegenheiten des geliebten Menschen verbirgt. Er möchte die „Goldkörner“ aus dem Wesen der Geliebten „lesen“, eine Metapher für das Herausfiltern des Wertvollen und Edlen aus dem Unausgesprochenen. Dies impliziert eine aktive, aufmerksame Haltung des Dichters, der bereit ist, über das Offensichtliche hinauszugehen, um die wahre Natur des geliebten Menschen zu ergründen.
Die zentrale Metapher des Gedichts ist die Erschaffung eines „Bild[s]“ der Seele aus den „Schimmern der Verschwiegenheiten.“ Dieses Bild soll „hauchlos rein“ sein und ausschließlich für die Geliebte bestimmt sein. Die Reinheit des Bildes deutet auf eine Idealisierung der Seele und der Beziehung hin, während die Exklusivität auf eine tiefe Intimität und ein Verständnis hinweist, das nur innerhalb dieser Beziehung existieren kann. Die Verwendung des Begriffs „Bild“ suggeriert zudem eine künstlerische und schöpferische Auseinandersetzung mit der geliebten Person, die über das rein Romantische hinausgeht.
Insgesamt ist das Gedicht eine subtile und tiefgründige Liebeserklärung, die die Grenzen des Sprachlichen auslotet und die Liebe als eine Suche nach der verborgenen Wahrheit im geliebten Menschen feiert. Mühsam betont die Bedeutung von Stille, Aufmerksamkeit und der Fähigkeit, über das Offensichtliche hinauszusehen, um eine tiefe und authentische Verbindung zu erfahren. Die dunklen Fragen, die „Worte, die verschwiegen“ und der Wunsch, die Seele der Geliebten zu erfassen, zeugen von einer tiefen Sehnsucht nach wahrer Erkenntnis und einer radikalen Form der Liebe.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.
