Wie es war und ist

Heinrich Christian Boie

1806

Der Herzen gibts nicht mehr in unsern Tagen, Die voll Gefühl auf Erden weit und breit Mit keinem Wunsch als nach der Einen fragen, Der sie sich ganz und lebenslang geweiht; Gern jedem Glück, ists Ihr nicht Glück, entsagen; Unabgeschreckt von Haß, Verfolgung, Neid Wie im Triumf an Ihrem Siegeswagen Hervor sich blähn; was halb Ihr Blick verbeut, Nicht wollen; nur mit innigem Behagen Die Freude fühlen, die auch Sie erfreut; Zufriednes Muts an ihrem Grame nagen, Und Jahre durch, was Stolz und Grausamkeit Auflegen kann, und immer willig tragen; Zu leben und zu sterben gleich bereit, Gefahr und Tod um Ihretwillen wagen; Und wenn zuletzt Ihr harter Sinn Sie reut, Die Zweifel fliehn, die um den Busen lagen Und Sie erweicht Ihr Ohr den Seufzern leiht, Als wär es Traum, noch fürchten noch verzagen: Der Herzen gibts nicht mehr zu unsrer Zeit! Der Liebesgott ist nun kein Gott der Klagen: Er kömmt und glüht und lacht der Schüchternheit Und schleicht, will ihn ein stolzes Mädchen plagen, Gelaßen fort, und ist er glücklich heut, Sieht man ihn morgen schon die Flügel schlagen. - Warum bin ich noch von der alten Zeit?

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Illustration zu Wie es war und ist

Interpretation

Das Gedicht "Wie es war und ist" von Heinrich Christian Boie beschreibt einen tiefen Sehnsuchtszustand nach einer vergangenen Ära der romantischen Liebe und Leidenschaft. Der Sprecher beklagt, dass die Herzen, die einst voller Gefühl waren und sich ganz einer einzigen Liebe hingaben, in der heutigen Zeit nicht mehr existieren. Diese Herzen waren bereit, jedes Glück aufzugeben, das nicht das Glück der Geliebten war, und blieben unerschrocken gegenüber Hass, Verfolgung und Neid. Sie fühlten eine innige Freude an der Freude der Geliebten und waren bereit, Gefahr und Tod für sie zu wagen. Der Sprecher bedauert, dass diese Art von Liebe und Hingabe in der modernen Welt verloren gegangen ist. In der zweiten Hälfte des Gedichts wird der Liebesgott als eine Figur dargestellt, die nicht mehr die Klagen und das Leiden der Vergangenheit verkörpert. Stattdessen ist er nun ein Gott der Freude und des Lachens, der die Schüchternheit verachtet. Wenn ein stolzes Mädchen versucht, ihn zu plagen, zieht er sich gelassen zurück. Der Sprecher bemerkt, dass der Liebesgott, wenn er heute glücklich ist, morgen schon wieder seine Flügel schlagen und weiterziehen wird. Dies deutet auf eine flüchtige und oberflächliche Natur der modernen Liebe hin, die im Gegensatz zu der tiefen, beständigen Liebe der Vergangenheit steht. Das Gedicht endet mit einer rhetorischen Frage des Sprechers, warum er noch immer von der alten Zeit träumt. Diese Frage unterstreicht die Sehnsucht des Sprechers nach einer vergangenen Ära der romantischen Liebe und die Enttäuschung über die gegenwärtige Situation. Es ist ein Ausdruck der Melancholie und des Bedauerns über den Verlust einer tieferen, bedeutungsvolleren Form der Liebe in der modernen Welt.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Gefühl auf Erden weit und breit
Bildsprache
Wie im Triumf an Ihrem Siegeswagen Hervor sich blähn
Hyperbel
Mit keinem Wunsch als nach der Einen fragen
Kontrast
Zu leben und zu sterben gleich bereit
Metapher
Der Herzen gibts nicht mehr zu unsrer Zeit!
Personifikation
Der Liebesgott ist nun kein Gott der Klagen
Rhythmus
Unabgeschreckt von Haß, Verfolgung, Neid
Wiederholung
Der Herzen gibts nicht mehr in unsren Tagen