Wie auf Erden, so im Himmel

Kathinka Zitz-Halein

1801

Am Himmel war’s nicht mehr geheuer, Es ging dort bunt zu, wie auf Erden, Es zeigten sich alldort Cometen Mit langen Demokratenbärten.

Sogleich versuchten es die Wolken, Die rothe Fahne aufzuhissen; Von den Plejaden ward das Pflaster In der Milchstraße aufgerissen.

Das ganze Firmament ist drüber In große Aufregung gerathen, Man baute gleich von allen Seiten Gewaltig hohe Barrikaden.

Im Mond auch ist die Ruh gestöret Durch Neurungssüchtige geworden, Die Mondkälber, die lammesfrommen, Empörten sich zu Hauf alldorten.

Belagerungszustand ward im Reiche Des Mondes als’bald proklamiret, Das von den himmlischen Heerscharen Auf allen Seiten ward cerniret.

Darum ist auch eine totale Mondsfinsterniß gleich eingetreten, ’s Martialgesetz ward laut verlesen, Zur Nachachtung für einen Jeden.

Warum die Unruh’ ausgebrochen, Das will ich euch, ihr Leute, sagen; Ein demokratisch Mondkalb hatte In der Versammlung angetragen,

»Daß sich der Mond doch nicht mehr ferner »Her zum Trabant der Erde gebe, »Weil dies der Würd’ des Himmelskörpers, »Des souveränen, widerstrebe.

»Weil es gehöre zu den alten »Vormärzlichen Einrichtungen »Die tief im Feudalschlamme wurzelnd, »Bedürften neuer Sichtungen.

Auf diese Rede gab’s Spektakel, Vernichten wollt man die Gewalten. Da kam die Herrscherin Frau Sonne, Und sprach: O Plebs, es bleibt beim Alten.

»Der Mond, die Sterne und ich selber, »Wir folgen den gewohnten Bahnen, »Und die verführten Freiheitskälber, »Sie ducken sich vor unsern Fahnen.

»Wer’s aber wagt, sich den Befehlen, »Die ich jetzt geb’, zu widersetzen, »Der büß es schwer, den will ich Wrangeln »Und Jellatschitzen, Windischgrätzen.«

Und Alles zittert, als die Sonne, Die strenge Drohung ausgesprochen. Und die erschrocknen Himmelskörper Sind allesammt zu Kreuz gekrochen.

So werdens auch die Fürsten machen, Ihr Arm wird in die Massen dringen Und wird, eh’ ihr es selber denket Zurück in’s alte Joch euch bringen.

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Illustration zu Wie auf Erden, so im Himmel

Interpretation

Das Gedicht "Wie auf Erden, so im Himmel" von Kathinka Zitz-Halein ist eine satirische Darstellung der politischen Unruhen des Vormärz, die sich im Himmel abspielen. Die Autorin nutzt die Himmelskörper als Allegorie für die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse auf der Erde. Die Cometen mit ihren "Demokratenbärten" und die Wolken, die die rote Fahne hissen, symbolisieren die demokratischen und revolutionären Bestrebungen. Die Aufregung im Firmament und die Errichtung von Barrikaden spiegeln die Unruhen und Aufstände auf der Erde wider. Die Mondkälber, die sich gegen ihre Rolle als Trabant der Erde auflehnen, stehen für diejenigen, die sich gegen die bestehende Ordnung und die feudale Struktur auflehnen. Ihre Forderung nach einer neuen "Sichtung" der alten Einrichtungen ist ein Aufruf zur Veränderung und Reform. Doch die Herrscherin, die Sonne, setzt sich durch und befiehlt, dass alles beim Alten bleibt. Ihre Drohung gegenüber den "Freiheitskälbern" und ihre Erwähnung von militärischen Führern wie Wrangel, Jellachich und Windischgrätz unterstreichen die Macht der etablierten Ordnung und ihre Bereitschaft, gegen Aufstände vorzugehen. Das Gedicht endet mit einer Warnung an die Menschen auf der Erde. Die Fürsten, so die Autorin, werden ebenfalls ihre Macht durchsetzen und die Massen zurück in das "alte Joch" bringen. Dies ist eine pessimistische Einschätzung der Zukunft, die darauf hindeutet, dass die revolutionären Bestrebungen letztlich scheitern werden und die alte Ordnung wiederhergestellt wird. Die Verwendung von Himmelskörpern als Metaphern für politische Akteure und Ereignisse verleiht dem Gedicht eine universelle und zeitlose Dimension.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Und wird, eh' ihr es selber denket Zurück in's alte Joch euch bringen
Personifikation
Und die erschrocknen Himmelskörper Sind allesammt zu Kreuz gekrochen