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Wider die heutige Erziehung der Jugend

Von

Was hat im Himmel doch nur für ein Stern regiert,
Als er, o Damon, dich auf diesen Weg geführt,
Daß du zwei Tiere willst den Kern der Weisheit lehren
Und durch vergebne Müh‘ die Zahl der Narren mehren?
Es ist auf Erden nicht mehr die vergangne Welt,
Da sich die Ohren noch zu Schülern eingestellt,
Der Mund zu Hause blieb. Kaum ist ein Kind geboren,
So hat auch sein Verstand schon die Geduld verloren;
Es wird mit vieler Müh‘ zum Schlafen eingewiegt,
Man liebt und heuchelt ihm, wenn es die Nahrung kriegt,
Man hebt es auf den Tisch und wieder in das Bette,
Man springt und tanzt mit ihm wie Affen an der Kette,
Und wenn die Zeit den Mund zum Reden aufgeweckt,
So spricht es schon ein Wort, das nach der Küche schmeckt.
Die Mutter sorget nur bei ihren langen Stunden,
Ob sich der Spieler nicht zum l’Hombre eingefunden,
Wie man Merenden giebt und durch gefrornen Saft
Bei süßer Sommerzeit den Winter wiederschafft.
Die Kinder läßt sie gern den Mägden in den Armen,
Die mehrenteils zugleich der Knechte sich erbarmen;
Dann sieht der kleine Schalk mit zarten Augen an,
Was zwar die Mutter auch, doch nur verdeckt, gethan.
Fünf Jahre streichen hin, so weiß es schon zu nennen,
Was Scham und Ehre kaum im Alter hören können,
Und weichen sieben weg, so wird er auch gelehrt,
Was für Vermählte nur und in die Nacht gehört.

Dann aber heißet es ein Kind von hohen Gaben,
Es muß den Federbusch, es muß den Degen haben,
Man holt von Königsberg ein kleines Zwergenpferd,
Man legt ihm Hunde zu und was es mehr begehrt,
Und wenn die Sinnen sich durch solche Lust zerstreuen,
So denkt man allererst an die Pedantereien.
Dann bringt ein Wörterfuchs mit vieler Schmeichelei
Ihm noch das ABC in Nebenstunden bei.
Zwei Jahre fließen hin mit schwerem Buchstabieren;
Indessen weiß er schon die Damen aufzuführen,
Und wenn er lesend nur den Text erraten kann,
So nimmt ihn Lisilis zu ihrem Thyrsis an.
So spricht die Mutter schon: »Es wird sich nicht mehr schicken,
Daß unser Sohn nur stets die Bücher sollte drücken.
Was der Präceptor lehrt, riecht alles nach Latein;
Er mag ein guter Mann für Bürgerkinder sein,
Doch für den Adel nicht.« Kaum hat sie es gesprochen,
So wird der alten Treu‘ der Urtelstab gebrochen;
Der arme Lehrer wählt ein ander Marterhaus,
Die Mutter aber schreibt nach Hofemeistern aus.
Sie suchet einen Mann, der in der Welt gewesen,
Der seine Weisheit nicht darf aus den Büchern lesen,
Der, was der Spanier und der Toskaner sagt,
Und was der Britte spricht und der Franzose fragt,
Bis auf den Grund versteht, der artig weiß zu singen,
Mit Fechtern umzugehn, nach der Cadanz zu springen,
Bei fremden Wirten sich durch Witz bekannt gemacht
Und sieben Grafen schon hat hin und her gebracht.

Die Briefe fliegen fort auf Universitäten,
Man fänget für die Wahl auf Kanzeln an zu beten.
Es bricht in Leipzig aus, in Halle wird Geschrei;
Doch wenn man endlich fragt, was die Besoldung sei,
So sind es sechzig erst und endlich hundert Thaler.
Geh nur, mein Damon, geh bei diese große Prahler
Und schenke, wenn du kannst, den ärgernden Donat
In einen Becher Wein und in ein Kartenblatt.
Laß deine Wissenschaft in Reh‘ und Hasen dringen,
Damit der Junker sie in Hasen kann verschlingen,
Und wenn es möglich ist, so bring durch Zauberei
Sie einer schönen Magd in Mandelsuppen bei,
Damit das arme Kind, dem keine Bücher taugen,
Die Künste spielend kann aus süßen Lippen saugen.

Sobald du das gethan, so reise durch die Welt
Und frage, wo der Wirt stets freie Tafel hält,
Wo Kram und Keller sein, die für die Worte borgen
Und auf den jüngsten Tag erst für die Zahlung sorgen.
Führ‘ deinen jungen Held in die Gesellschaft ein
Und trinke, wenn es kann für Komplimente sein;
Doch klopft die nasse Schar an deine Kammerthüren,
So thu, wie Mäuse thun, wenn sich die Katzen rühren;
Verleugne dich und ihn, und wird es ausgebracht,
So leide, wenn man dich zu einem Tiere macht,
Vor dem ein jeder fliegt. Es ist dir keine Schande;
Du bist doch wie dein Herr nicht von Geburt und Stande.
Stürzt aber dieser sich aus Frevel in die Not,
So wage Leib und Blut und scheue nicht den Tod;
Doch ist der Feind ihm gleich, so tracht‘ ihn nicht zu heben,
Und eh ein Edler stirbt, so laß dein Bürgerleben.
Vermeide, was den Schein vom Hofemeister hat;
Der Jugend Zügel sein, ist heute Missethat.
Du bist ein Diener nur, nicht aber auch erkoren
Zu tilgen, was ihm schon die Eltern angeboren.
Geht er den Nymphen nach, so sei in guter Ruh‘,
Und spricht er allzu frei, so lache noch dazu.
Der ist kein Edelmann, der in den Fechterstangen
Der süßen Liebe nicht die Klassen durchgegangen.
Sorg aber stets für ihn wie für ein brennend Licht,
Und geht der Brand zu weit, so säum‘ und warte nicht,
Hol‘ Doktor und Balbier und laß die Glut verrauchen;
Ein halb gespartes Licht, das kann man wieder brauchen.

Dann aber ist es Zeit, die Deichsel umzudrehn;
Drum eile wieder fort, das Vaterland zu sehn,
Damit das edle Tier, eh alle Kräfte fliegen,
Noch durch den kleinen Rest ein schönes Kind betrügen
Und Erben setzen kann. Stimm‘ aber ja bei Zeit
Der klugen Eltern Sinn zu schneller Dankbarkeit;
Schreib seinem Vater zu: »Dein Sohn ist nun vollkommen.
Er hat im Rennen schon zehnmal den Ring genommen;
Es ist kein wildes Pferd, sobald er es besteigt,
Das nicht Gehorsam auch und lauter Willen zeigt.«
Schreib seiner Mutter zu: »Ich muß das Reisen enden,
Sonst reißt man deinen Sohn mir gar noch aus den Händen.
Wenn er zu Saint-Germain auf seiner Flöte spielt,
So ist kein Damenherz, das nicht Empfindung fühlt.
Madame d’Orleans nennt ihn nur ihr Vergnügen,
Und die von Conti sucht ihr schmeichelnd obzusiegen.«
Dann nimm die schnelle Post und spare keinen Fleiß,
Bis dein verliebter Held auch recht zu reden weiß.
Verwandle nach und nach die Tanz- und Fechtertöchter
In Damen von Geburt, in gräfliche Geschlechter;
Nahm ihn ein Schneiderkind, ein Wäschermägdchen ein,
So laß sie Montmorence und Bassompierre sein,
Und wenn du den Roman so künstlich zugeschnitten,
So denke: Wird nun auch die Rechnung wohl bestritten?
Lies sie mit Zittern durch, und wo zu deiner Ruh‘
Dir was entgegen scheint, so setze etwas zu.

Kommst du nun endlich an, so wirf dich zu den Füßen
Und suche ganz gebückt der Mutter Rock zu küssen.
Erkenne, was man dir für Ehre zugewandt,
Doch mache, wenn du klug, nicht den Verlust bekannt,
Und wenn der Vater dir die Kehle vollgegossen,
So denke, daß die Schuld im Weine weggeflossen
Und du bezahlet bist. Drum lauf und eile fort,
Wie der Präceptor that, such‘ einen neuen Ort
Und trachte doch auch stets des alten Ruhm zu mehren.
So lebst du bettelarm und bleibest doch in Ehren.
Meinst du, o Damon, nun, daß dir der Kummer fehlt,
So geh und tritt nur an, wozu man dich erwählt;
Laß deine Bücher stehn, vergiß der Rechte Grillen
Und suche den Verstand mit Opern anzufüllen;
Dann, wenn die Wissenschaft wie Schwefel weggeraucht
Und deiner Jahre Rest erst süße Wartung braucht,
So nimm ein altes Weib mit hohlen Drachenzähnen,
Die jeden Groschen weiß nach Ellen auszudehnen,
Die dich mit Hirse noch und Habergrütze pflegt
Und deine Phantasie mit dir zu Grabe trägt.
Doch willst du selber dir dein Glücke nicht versperren,
So fleuch den Dienerstand und mache dich zum Herren,
So laß die Höflichkeit und werd‘ ein Advokat
Und forsche, was das Recht für Nebenwege hat.
Nimm einen Schreiber an, der starke Federn führet
Und sieben Zeilen nur auf eine Seite schmieret;
Verlängre deine Schrift, wie Titius gethan,
Und schreib ein jedes Blatt für dreißig Groschen an.
So darf dein alter Fuß vor Hunger nicht entlaufen,
So kann dir dein Betrug noch einen Dienst erkaufen,
So lebst du wie ein Mann, und stirbest du auch gleich,
So fährst du als ein Christ doch noch ins Himmelreich.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Wider die heutige Erziehung der Jugend von Benjamin Neukirch

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Wider die heutige Erziehung der Jugend“ von Benjamin Neukirch ist eine beißende Satire auf die zeitgenössische Erziehung des Adels im Barock. Der Autor verwendet ironische und übertriebene Elemente, um die Missstände und das oberflächliche Wesen der damaligen Bildungspraxis zu kritisieren. Das Gedicht wird von einem hypothetischen Mentor (Damon) gesprochen, der in sarkastischer Manier aufgefordert wird, die Jugend nach den Regeln der höfischen Welt zu erziehen.

Die Kernkritik des Gedichts liegt in der Abkehr von traditionellen Werten und der Hinwendung zu einem rein äußerlichen, auf Repräsentation ausgerichteten Bildungsideal. Die Verse beschreiben, wie die Kinder des Adels von klein auf in einem Umfeld aufwachsen, das von Verhätschelung, Luxus und oberflächlichen Interessen geprägt ist. Statt Bildung und Tugend werden dem Nachwuchs lediglich Fähigkeiten vermittelt, die für das gesellschaftliche Parkett von Bedeutung sind: Tanzen, Fechten, Konversation und die Fähigkeit, sich in der Welt der Höfe zu bewegen. Neukirch prangert an, dass die eigentliche Bildung, die Vermittlung von Wissen und Charakter, vernachlässigt wird. Der Präzeptor, einst die Verkörperung von Bildung und Erziehung, wird durch einen Hofmeister ersetzt, der die adelige Jugend lediglich auf ein Leben in Prunk und Eitelkeit vorbereitet.

Der satirische Ton wird durch die Übertreibung und die Verwendung von Ironie verstärkt. Neukirch stellt die Absurdität der Situation dar, indem er dem Mentor empfiehlt, die Jugend mit allen Mitteln zu verwöhnen und in ein Leben voller Genüsse und oberflächlicher Beziehungen zu führen. Der Mentor soll sich anpassen, Komplimente machen, die Interessen der Adligen unterstützen und vor allem darauf achten, nicht die wahren Werte zu vermitteln. Die Sprache des Gedichts ist dabei reich an spöttischen Bemerkungen und bissigen Anspielungen, wodurch die Kritik noch eindringlicher wird. Besonders die Empfehlung, die Jugend durch die Welt zu führen, die gesellschaftlichen Konventionen zu unterstützen und auf jegliche Moral zu verzichten, unterstreicht die moralische Verkommenheit der Adligen.

Das Gedicht endet mit einer bitteren Erkenntnis: Wer die Jugend nach den Prinzipien der höfischen Welt erzieht, erwartet am Ende ein unglückliches Leben, da diese Erziehung nur auf das äußere Erscheinungsbild ausgerichtet ist. Die Botschaft ist eindeutig: Ohne eine solide Grundlage in Bildung, Tugend und Charakter ist ein erfülltes Leben unmöglich. Neukirch präsentiert hier eine düstere, aber realistische Sicht auf die Gesellschaft seiner Zeit, in der die Werte der traditionellen Bildung durch die Eitelkeiten der höfischen Welt ersetzt wurden. Die Ironie in der abschließenden Empfehlung, sich vom Dienerstand zu lösen und zu einem Anwalt oder Schreiber zu werden, unterstreicht nochmals die Wertlosigkeit des beschriebenen Erziehungssystems.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.