Wider den Geiz
1769Wohl dem, der beßre Schätze liebt, Als Schätze dieser Erden! Wohl dem, der sich mit Eifer übt, An Tugend reich zu werden; Und in dem Glauben, des er lebt, Sich über diese Welt erhebt!
Wahr ist es, Gott verwehrt uns nicht, Hier Güter zu besitzen. Er gab sie uns, und auch die Pflicht, Mit Weisheit sie zu nützen. Sie dürfen unser Herz erfreun, Und unsers Fleißes Antrieb sein.
Doch nach den Gütern dieser Zeit Mit ganzer Seele schmachten, Nicht erst nach der Gerechtigkeit Und Gottes Reiche trachten; Ist dieses eines Menschen Ruf, Den Gott zur Ewigkeit erschuf?
Der Geiz erniedrigt unser Herz, Erstickt die edlern Triebe. Die Liebe für ein schimmernd Erz Verdrängt der Tugend Liebe, Und machet, der Vernunft zum Spott, Ein elend Gold zu deinem Gott.
Der Geiz, so viel er an sich reißt, Läßt dich kein Gut genießen; Er quält durch Habsucht deinen Geist, Und tötet dein Gewissen, Und reißt durch schmeichelnden Gewinn Dich blind zu jedem Frevel hin.
Um wenig Vorteil wird er schon Aus dir mit Meineid sprechen; Dich zwingen, der Arbeiter Lohn Unmenschlich abzubrechen; Er wird in dir der Witwen Flehn, Der Waisen Tränen widerstehn.
Wie könnt ein Herz, vom Geize hart, Der Wohltat Freuden schmecken, Und in des Unglücks Gegenwart Den Ruf zur Hülf entdecken? Und wo ist eines Standes Pflicht, Die nicht der Geiz entehrt und bricht?
Du bist ein Vater; und aus Geiz Entziehst du dich den Kindern, Und lässest dich des Goldes Reiz, Ihr Herz zu bilden, hindern; Und glaubst, du habst sie wohl bedacht, Wenn du sie reich, wie dich, gemacht.
Du hast ein richterliches Amt; Und du wirst dich erfrechen, Die Sache, die das Recht verdammt, Aus Habsucht recht zu sprechen; Und selbst der Tugend größter Feind Erkauft an dir sich einen Freund.
Gewinnsucht raubt dir Mut und Geist, Die Wahrheit frei zu lehren; Du schweigst, wenn sie dich reden heißt, Ehrst, wo du nicht sollst ehren, Und wirst um ein verächtlich Geld Ein Schmeichler, und die Pest der Welt.
Erhalte mich, o Gott! dabei, Daß ich mir gnügen lasse, Geiz ewig als Abgötterei Von mir entfern und hasse. Ein weises Herz und guter Mut Sei meines Lebens größtes Gut!
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Interpretation
Das Gedicht "Wider den Geiz" von Christian Fürchtegott Gellert ist eine eindringliche Mahnung gegen die Habgier und den übermäßigen Materialismus. Gellert betont, dass wahrer Reichtum in Tugend und geistiger Erhebung liegt, nicht in irdischen Schätzen. Er erkennt zwar an, dass Gott den Menschen erlaubt, materielle Güter zu besitzen und sie mit Weisheit zu nutzen, warnt jedoch davor, sich ausschließlich danach zu sehnen und die geistigen Werte zu vernachlässigen. Der Geiz wird als zerstörerische Kraft dargestellt, die das Herz erniedrigt und edlere Triebe ersticken lässt. Gellert beschreibt, wie die Liebe zum Geld die Liebe zur Tugend verdrängt und den Menschen blind für moralische Verfehlungen macht. Der Geiz führt zu Ungerechtigkeit, wie Meineid, Ausbeutung von Arbeitern und das Ignorieren des Leids von Witwen und Waisen. Er verhindert, dass Menschen Freude an Wohltätigkeit empfinden und im Unglück anderer helfen. Gellert verdeutlicht die weitreichenden Auswirkungen des Geizes auf verschiedene Lebensbereiche. Er zeigt, wie er Eltern daran hindert, sich um ihre Kinder zu kümmern und sie zu erziehen, wie er Richter korrumpiert und die Wahrheit zum Schweigen bringt. Das Gedicht schließt mit einem Gebet um göttlichen Schutz vor dem Geiz, der als Abgötterei verurteilt wird. Gellert wünscht sich ein weises Herz und einen guten Mut als die größten Güter im Leben, anstelle von materiellem Reichtum.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Schätze dieser Erden
- Anapher
- Du bist ein Vater; und aus Geiz Entziehst du dich den Kindern
- Bildsprache
- Der Geiz erniedrigt unser Herz, Erstickt die edlern Triebe
- Hyperbel
- Ein elend Gold zu deinem Gott
- Kontrast
- Wohl dem, der beßre Schätze liebt, Als Schätze dieser Erden!
- Metapher
- An Tugend reich zu werden
- Parallelismus
- Wie könnt ein Herz, vom Geize hart, Der Wohltat Freuden schmecken
- Personifikation
- Die Liebe für ein schimmernd Erz Verdrängt der Tugend Liebe
- Rhetorische Frage
- Ist dieses eines Menschen Ruf, Den Gott zur Ewigkeit erschuf?
- Übertreibung
- Er wird in dir der Witwen Flehn, Der Waisen Tränen widerstehn