Wenn ich, o du mein Liebling

Friedrich Rückert

1834

Wenn ich, o du mein Liebling, dich betrachte, O Amaryllis, meiner Kunst Gebilde, Ist′s oft, als ob ich fast der Dichtergilde Anzugehören für was rechtes achte.

Denn, wenn ich dich mit in Gesellschaft brachte, Wo seinen Rang sonst jeder führt im Schilde, Dich, die Erzeugte ländlicher Gefilde; Wer war′s, der da dich zu verachten dachte?

Zu zweifeln schien man nicht an deinem Adel, Schien nicht zu ahnden oder nicht zu ahnen, Daß du gekommen seist von Hürd′ und Stadel.

Wer ist′s nun, der dir so ersetzt die Ahnen? Das ist der Dichter, der drum ohne Tadel Sich selbst wohl als ein Pfalzgraf mag gemahnen.

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Interpretation

Das Gedicht "Wenn ich, o du mein Liebling" von Friedrich Rückert handelt von der poetischen Schöpfungskraft und der erhöhten Stellung der Dichtkunst. Der Sprecher betrachtet sein lyrisches Werk, personifiziert als die Amaryllis, und fühlt sich dabei wie ein echter Dichter. Er vergleicht die Amaryllis mit einem Adeligen, der in Gesellschaft Anerkennung und Respekt genießt. Niemand würde auf die Idee kommen, an ihrem Stand zu zweifeln oder zu ahnen, dass sie von einfachen bäuerlichen Verhältnissen stammt. Im letzten Vers wird deutlich, dass der Dichter selbst die Rolle des adeligen Ahnen übernimmt und der Amaryllis eine adlige Herkunft verleiht. Er verleiht ihr durch seine Dichtkunst einen höheren Rang und eine edlere Abstammung. Damit erhebt sich der Dichter selbst zum "Pfalzgraf" und somit zum adligen Schöpfer seines Werkes.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
Ist's oft, als ob ich fast der Dichtergilde Anzugehören für was rechtes achte
Metapher
O Amaryllis, meiner Kunst Gebilde
Personifikation
Wer war's, der da dich zu verachten dachte?
Rhetorische Frage
Wer ist's nun, der dir so ersetzt die Ahnen?
Symbolik
Hürd' und Stadel