Wenn ich ein König wär'

Kathinka Zitz-Halein

1877

Wenn ich ein König wäre, säh’ ich des Volkes Schmerzen, Und tiefe Trauer trüg’ ich alsdann in meinem Herzen, Ich wäre nicht erblindet für seine große Noth, Nicht taub für seine Klagen, wenn ihm Verderben droht.

Ich säh’ die Einen schwelgen in ihren Prunkgemächern, Sie edle Weine schlürfen aus Gold- und Silberbechern, In Duhnenbetten ruhen, mit Seide zugedeckt, Bis sie die hohe Sonne aus süßem Schlummer weckt.

In säh’, wie sie den Lüsten, den eitlen, Opfer zollen. Von Rossen stolz gezogen, vom Fest zur Oper rollen, Wie sie dann sorglos schlafen in sichrer Gegenwart, Vertrauend auf die Zukunft, die ihrer Tage harrt.

Doch säh’ ich auch die Andern in ungesunden Räumen, Die fort und fort beschäftigt, die nimmer müßig säumen, Die unterm Dache wohnend, gebettet sind auf Stroh, Von Lumpen kaum bedecket, die nie des Lebens froh,

Durch Fleiß und saure Mühe nicht so viel sich erwerben, Zu sättigen die Kinder, die fast vor Hunger sterben, Zu wärmen nur die Kleinen, die’s friert bei Nacht und Tag, Und die doch leben müssen, weil sie der Tod nicht mag.

Ihr Leben voll Entbehrung, voll Kummer und voll Sorgen, Bekrönt als Schmerzensstachel, die Furcht vorm andern Morgen, Da sie nicht wissen können, ob er das dürft’ge Brod Den Armen wird bescheren, ob größer wird die Noth.

Und säh’ ich so die Reichen, und säh’ ich so die Armen, So würd’ ich mich der Letztern mit mildem Sinn erbarmen; Mit jenen die da leiden, mit jenen litt auch ich, Ihr Schicksal zu verbessern, das nähm’ ich stolz auf mich.

So lang in meinem Reiche noch Bettler vor sich fänden, So lange noch Arbeiter mit starken fleiß’gen Händen, Vergebens an Werkstätten um Arbeit klopfen an, So lange würd’ ich glauben, ich hätte nichts gethan.

Den lügenden Ministern, die sich oft dreist erfrechen, Vom Wohlstand eines Landes mit feiler Zung’ zu sprechen, Würd’ ich nicht Glauben schenken, so lang des Armen Schweiß, Den Reichen Früchte bringet, von denen er nichts weiß.

Ich würde Mitleid haben mit jenen armen Müttern, Die mit gebrochenem Herzen, mit Händen welche zittern, Den neugebornen Knaben auf einen Straßenstein Aussetzen, weil zu Haus ihn bedroht des Hungers Pein. Auch mit den Waisenkindern, die kaum die süßen Gaben Der Elternlieb’ genossen, würd’ ich stets Mitleid haben, Die längst den Kuß der Mutter, des Vaters Sorg’ entbehrt, Die schon am Lebensmorgen von Druck und Last beschwert.

Ich würde Mitleid haben mit Mädchen und mit Frauen, Die schön und jung an Jahren, vergebens um sich schauen Nach Arbeit, bis das Elend sie nach und nach entblößt, Und mit brutalem Fuße in die Verderbnis stößt.

Auch dem Fabrikarbeiter würd’ ich mein Mitleid schenken, Und mit besonderm Eifer auf seine Hebung denken, Denn dieser ist der Sträfling, der Sklav’ der Industrie, Und die Befreiungsstunde schlägt diesem Armen nie.

Doch ja, sie schlägt am Ende, wenn aus des Lebensketten, Der Tod kommt, um den Müden ins tiefe Grab zu retten; Im Leben nur Maschine, darf er nie stille steh’n, Und gleich dem ew’gen Juden, muß er stets vorwärts geh’n.

Mich dauerte der Weber, der still das Schiffchen drehet, Der reiche Stoffe webet und selbst halb nackend gehet; Mich dauerte der Maurer der früh und spät sich quält, Der andern Häuser bauet, und dem ein Obdach fehlt.

Mich dauerte der Landmann, der häuft die goldnen Garben, Und der dabei in Armuth bei Kleienbrod muß darben; Mich dauerte ein Jeder, der fleißig sich bestrebt, Der Andern Reichthum schaffet, und selbst im Elend lebt.

Des Volkes laute Klagen, die Thränen, die da fallen, Die würden mir im Herzen beständig widerhallen. Ich könnte nimmer ruhen, bis ich den Grund erschaut, Bis denen ich geholfen, die mir ihr Glück vertraut.

Und würd’ es mir gelingen da Wohlstand zu verbreiten, Wo jetzt die Armuth waltet, wo Noth und Elend streiten, Hätt’ ich die Volksverblutung mit milder Hand gestillt, Ja, dann erst würd’ ich glauben, sei meine Pflicht erfüllt.

Und wenn mich Der beriefe, der alle Spaltung schlichtet, Der Könige und Bettler mit gleicher Strenge richtet, Bät’ ich vor Gottes Throne in jenem Geisterland: “O Herr! beschütz’ die Völker, die Vater mich genannt.”

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Illustration zu Wenn ich ein König wär'

Interpretation

Das Gedicht "Wenn ich ein König wär'" von Kathinka Zitz-Halein ist eine sozialkritische Auseinandersetzung mit den Missständen in der Gesellschaft. Die Autorin stellt sich vor, wie sie als Königin handeln würde, um das Leid des Volkes zu lindern und für Gerechtigkeit zu sorgen. Das Gedicht beginnt mit der Schilderung der großen Kluft zwischen Arm und Reich. Die Autorin beschreibt die prunkvollen Lebensumstände der Wohlhabenden und kontrastiert sie mit der Armut und dem Elend der Arbeiterklasse. Sie betont, dass sie als Königin das Leid des Volkes nicht ignorieren würde, sondern sich mitfühlend und solidarisch zeigen würde. Die Autorin kritisiert auch die Gleichgültigkeit der Reichen gegenüber dem Schicksal der Armen. Sie würde den Lügen der Minister nicht glauben, die vom Wohlstand des Landes sprechen, während die Armen unter Hunger und Not leiden. Sie würde sich mit den armen Müttern solidarisieren, die ihre neugeborenen Kinder aussetzen müssen, weil sie sie nicht ernähren können, sowie mit den Waisenkindern und den Mädchen, die in die Prostitution getrieben werden. Besondere Aufmerksamkeit widmet die Autorin den Fabrikarbeitern, die sie als "Sträflinge" und "Sklaven der Industrie" bezeichnet. Sie kritisiert die Ausbeutung der Arbeiter und deren prekäre Lebensumstände. Auch die Weber, Maurer und Landarbeiter werden als Opfer der sozialen Ungerechtigkeit dargestellt. Das Gedicht endet mit dem Appell der Autorin an Gott, die Völker zu beschützen. Sie betont, dass ihre Pflicht als Königin erst dann erfüllt wäre, wenn sie den Wohlstand im Lande verbreitet und das Leid des Volkes gelindert hätte. Das Gedicht ist ein leidenschaftliches Plädoyer für soziale Gerechtigkeit und die Solidarität mit den Schwachen und Armen in der Gesellschaft.

Schlüsselwörter

würd säh armen andern mitleid dauerte herzen noth

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Sie edle Weine schlürfen aus Gold- und Silberbechern
Anapher
Mich dauerte der Weber, der still das Schiffchen drehet, / Mich dauerte der Maurer der früh und spät sich quält
Bildsprache
Mit Seide zugedeckt
Hyperbel
Ich könnte nimmer ruhen, bis ich den Grund erschaut
Kontrast
Doch säh' ich auch die Andern in ungesunden Räumen, / Die fort und fort beschäftigt, die nimmer müßig säumen
Metapher
Des Volkes laute Klagen, die Thränen, die da fallen, / Die würden mir im Herzen beständig widerhallen.
Parallelismus
Mich dauerte der Weber, der still das Schiffchen drehet, / Den reiche Stoffe webet und selbst halb nackend gehet
Personifikation
Die hohe Sonne aus süßem Schlummer weckt
Reimschema
AABB
Symbolik
Der ew'ge Jude