Wenn der Vogel singen will
1791Wenn der Vogel singen will, Sucht er einen Ast, Nur die Lerche trägt beim Sang Eigne, leichte Last.
Doch der Fink, die Nachtigall, Selbst der muntre Spatz Wählen, eh′ die Kehle tönt, Für den Fuß den Platz.
Gebt mir, wo ich stehen soll, Weist mir das Gebiet, Und ich will euch wohl erfreun Noch mit manchem Lied.
Denn in Deutschland weht der Sturm - Sturm, man weiß, ist Wind - , Wähnen, wenn der Ast sie schnellt, Daß sie flügge sind.
Und hier Landes dunkelt′s tief, Nacht wie Pech und Harz, In den Zweigen nächst dem Stamm Nisten Dohlen schwarz.
Kauz und Eule dämisch dumm Schaun zum Astloch raus, Nur der Starmatz schwatzt vom Platz, Kanzelt für das Haus.
Tiefer unten aber steigt′s Auf vom Boden dumpf, Und die Frösche quaken laut Aus verjährtem Sumpf.
Und so schweb ich ew′gen Flugs zwischen Erd′ und Luft, Und kein Platz dem müden Fuß, Als dereinst die Gruft.
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Interpretation
Das Gedicht "Wenn der Vogel singen will" von Franz Grillparzer ist eine metaphorische Betrachtung über die Freiheit der Kunst und die Bedingungen, unter denen sie gedeihen kann. Der Vogel symbolisiert den Künstler, der einen geeigneten Ort zum Singen sucht, was die Notwendigkeit eines stabilen Umfelds für künstlerische Entfaltung darstellt. Im ersten Teil des Gedichts beschreibt Grillparzer, wie Vögel wie Fink, Nachtigall und Spatz vor dem Singen einen Ast wählen, um darauf zu stehen. Dies symbolisiert die Notwendigkeit einer soliden Grundlage oder eines sicheren Platzes für den Künstler, um seine Kunst frei entfalten zu können. Die Lerche, die beim Singen ihre eigene Last trägt, könnte als Ausnahmeerscheinung gesehen werden, die trotz erschwerter Bedingungen ihre Kunst vollbringt. Der zweite Teil des Gedichts kontrastiert verschiedene Länder und ihre künstlerischen Klimata. Deutschland wird als ein Ort dargestellt, wo der Sturm (symbolisch für politische oder gesellschaftliche Unruhen) weht und die Vögel glauben, fliegen zu können, wenn der Ast sie erschüttert. Dies könnte auf die prekären Bedingungen für Künstler in einem instabilen Umfeld hinweisen. Im Gegensatz dazu wird das Heimatland des Dichters als tief dunkel und von Eulen und Dohlen bewohnt beschrieben, was auf eine intellektuell oder künstlerisch rückständige Gesellschaft schließen lässt. Im letzten Teil des Gedichts drückt der Sprecher seine ewige Unruhe und das Fehlen eines festen Platzes aus, außer in der Gruft. Dies könnte als Ausdruck der existenziellen Unsicherheit und des ständigen Suchens des Künstlers nach einem Ort, an dem er seine Kunst frei entfalten kann, interpretiert werden. Die Gruft als letzter Ruheort symbolisiert das endgültige Stillstehen und die Unmöglichkeit, in einem unruhigen Umfeld wahre künstlerische Freiheit zu finden.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Metapher
- Und kein Platz dem müden Fuß, Als dereinst die Gruft
- Personifikation
- Kauz und Eule dämisch dumm Schau'n zum Astloch raus