Wenn der Sturm das Meer umschlinget...
1799Wenn der Sturm das Meer umschlinget, Schwarze Locken ihn umhüllen, Beut sich kämpfend seinem Willen Die allmächtge Braut und ringet,
Küsset ihn mit wilden Wellen, Blitze blicken seine Augen, Donner seine Seufzer hauchen, Und das Schifflein muß zerschellen.
Wenn die Liebe aus den Sternen Niederblicket auf die Erde, Und dein Liebstes Lieb begehrte, Muß dein Liebstes sich entfernen.
Denn der Tod kömmt still gegangen, Küsset sie mit Geisterküssen, Ihre Augen dir sich schließen, Sind im Himmel aufgegangen.
Rufe, daß die Felsen beben, Weine tausend bittre Zähren, Ach, sie wird dich nie erhören, Nimmermehr dir Antwort geben.
Frühling darf nur leise hauchen, Stille Tränen niedertauen, Komme, willst dein Lieb′ du schauen, Blumen öffnen dir die Augen.
In des Baumes dichten Rinden, In der Blumen Kelch versunken, Schlummern helle Lebensfunken, Werden bald den Wald entzünden.
In uns selbst sind wir verloren, Bange Fesseln uns beengen, Schloß und Riegel muß zersprengen, Nur im Tode wird geboren.
In der Nächte Finsternissen Muß der junge Tag ertrinken, Abend muß herniedersinken, Soll der Morgen dich begrüßen.
Wer rufet in die stumme Nacht? Wer kann mit Geistern sprechen? Wer steiget in den dunkeln Schacht, Des Lichtes Blum′ zu brechen? Kein Licht scheint aus der tiefen Gruft, Kein Ton aus stillen Nächten ruft.
An Ufers Ferne wallt ein Licht, Du möchtest jenseits landen; Doch fasse Mut, verzage nicht, Du mußt erst diesseits stranden. Schau still hinab, in Todes Schoß Blüht jedes Ziel, fällt dir dein Los.
So breche dann, du tote Wand, Hinab mit allen Binden; Ein Zweig erblühe meiner Hand, Den Frieden zu verkünden. Ich will kein Einzelner mehr sein, Ich bin der Welt, die Welt ist mein.
Vergangen sei vergangen, Und Zukunft ewig fern; In Gegenwart gefangen Verweilt die Liebe gern,
Und reicht nach allen Seiten Die ewgen Arme hin, Mein Dasein zu erweiten, Bis ich unendlich bin.
So tausendfach gestaltet, Erblüh ich überall, Und meine Tugend waltet Auf Berges Höh, im Tal.
Mein Wort hallt von den Klippen, Mein Lied vom Himmel weht; Es flüstern tausend Lippen Im Haine mein Gebet.
Ich habe allem Leben Mit jedem Abendrot Den Abschiedskuß gegeben, Und jeder Schlaf ist Tod.
Es sinkt der Morgen nieder, Mit Fittichen so lind, Weckt mich die Liebe wieder, Ein neugeboren Kind.
Und wenn ich einsam weine, Und wenn das Herz mir bricht, So sieh im Sonnenscheine Mein lächelnd Angesicht.
Muß ich am Stabe wanken, Schwebt Winter um mein Haupt, Wird nie doch dem Gedanken Die Glut und Eil geraubt.
Ich sinke ewig unter, Und steige ewig auf, Und blühe stets gesunder Aus Liebes-Schoß herauf.
Das Leben nie verschwindet, Mit Liebesflamm′ und Licht Hat Gott sich selbst entzündet In der Natur Gedicht.
Das Licht hat mich durchdrungen, Und reißet mich hervor; Mit tausend Flammenzungen Glüh ich zur Glut empor.
So kann ich nimmer sterben, Kann nimmer mir entgehn; Denn um mich zu verderben, Müßt Gott selbst untergehn.
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Interpretation
Das Gedicht "Wenn der Sturm das Meer umschlinget..." von Clemens Brentano beschreibt die unaufhaltsame und zerstörerische Kraft der Natur, symbolisiert durch einen Sturm, der das Meer umschlinget. Die Braut, das Meer, kämpft gegen den Willen des Sturms an, doch letztendlich muss das Schifflein zerschellen. Dieses Bild wird als Metapher für die unausweichliche Macht der Natur und die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens verwendet. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Liebe als eine Kraft dargestellt, die aus den Sternen auf die Erde blickt. Wenn das Liebstes des Liebenden sich entfernen muss, kommt der Tod still gegangen und küsst sie mit Geisterküssen. Die Augen des Liebsten schließen sich und gehen im Himmel auf. Dies symbolisiert den Verlust und die Trauer, die mit dem Abschied eines geliebten Menschen einhergehen. Der letzte Teil des Gedichts thematisiert die Hoffnung auf Auferstehung und ewiges Leben. Der Frühling darf nur leise hauchen und stille Tränen niedertauen, um das Liebstes zu schauen. Blumen öffnen die Augen und in den dichten Rinden der Bäume und den Kelchen der Blumen schlummern helle Lebensfunken, die bald den Wald entzünden werden. Dies symbolisiert die Wiedergeburt und die ewige Natur des Lebens, selbst nach dem Tod.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Müßt Gott selbst untergehn
- Personifikation
- Schwarze Locken ihn umhüllen