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Wenn der Sturm das Meer umschlinget…

Von

Wenn der Sturm das Meer umschlinget,
Schwarze Locken ihn umhüllen,
Beut sich kämpfend seinem Willen
Die allmächtge Braut und ringet,

Küsset ihn mit wilden Wellen,
Blitze blicken seine Augen,
Donner seine Seufzer hauchen,
Und das Schifflein muß zerschellen.

Wenn die Liebe aus den Sternen
Niederblicket auf die Erde,
Und dein Liebstes Lieb begehrte,
Muß dein Liebstes sich entfernen.

Denn der Tod kömmt still gegangen,
Küsset sie mit Geisterküssen,
Ihre Augen dir sich schließen,
Sind im Himmel aufgegangen.

Rufe, daß die Felsen beben,
Weine tausend bittre Zähren,
Ach, sie wird dich nie erhören,
Nimmermehr dir Antwort geben.

Frühling darf nur leise hauchen,
Stille Tränen niedertauen,
Komme, willst dein Lieb′ du schauen,
Blumen öffnen dir die Augen.

In des Baumes dichten Rinden,
In der Blumen Kelch versunken,
Schlummern helle Lebensfunken,
Werden bald den Wald entzünden.

In uns selbst sind wir verloren,
Bange Fesseln uns beengen,
Schloß und Riegel muß zersprengen,
Nur im Tode wird geboren.

In der Nächte Finsternissen
Muß der junge Tag ertrinken,
Abend muß herniedersinken,
Soll der Morgen dich begrüßen.

Wer rufet in die stumme Nacht?
Wer kann mit Geistern sprechen?
Wer steiget in den dunkeln Schacht,
Des Lichtes Blum′ zu brechen?
Kein Licht scheint aus der tiefen Gruft,
Kein Ton aus stillen Nächten ruft.

An Ufers Ferne wallt ein Licht,
Du möchtest jenseits landen;
Doch fasse Mut, verzage nicht,
Du mußt erst diesseits stranden.
Schau still hinab, in Todes Schoß
Blüht jedes Ziel, fällt dir dein Los.

So breche dann, du tote Wand,
Hinab mit allen Binden;
Ein Zweig erblühe meiner Hand,
Den Frieden zu verkünden.
Ich will kein Einzelner mehr sein,
Ich bin der Welt, die Welt ist mein.

Vergangen sei vergangen,
Und Zukunft ewig fern;
In Gegenwart gefangen
Verweilt die Liebe gern,

Und reicht nach allen Seiten
Die ewgen Arme hin,
Mein Dasein zu erweiten,
Bis ich unendlich bin.

So tausendfach gestaltet,
Erblüh ich überall,
Und meine Tugend waltet
Auf Berges Höh, im Tal.

Mein Wort hallt von den Klippen,
Mein Lied vom Himmel weht;
Es flüstern tausend Lippen
Im Haine mein Gebet.

Ich habe allem Leben
Mit jedem Abendrot
Den Abschiedskuß gegeben,
Und jeder Schlaf ist Tod.

Es sinkt der Morgen nieder,
Mit Fittichen so lind,
Weckt mich die Liebe wieder,
Ein neugeboren Kind.

Und wenn ich einsam weine,
Und wenn das Herz mir bricht,
So sieh im Sonnenscheine
Mein lächelnd Angesicht.

Muß ich am Stabe wanken,
Schwebt Winter um mein Haupt,
Wird nie doch dem Gedanken
Die Glut und Eil geraubt.

Ich sinke ewig unter,
Und steige ewig auf,
Und blühe stets gesunder
Aus Liebes-Schoß herauf.

Das Leben nie verschwindet,
Mit Liebesflamm′ und Licht
Hat Gott sich selbst entzündet
In der Natur Gedicht.

Das Licht hat mich durchdrungen,
Und reißet mich hervor;
Mit tausend Flammenzungen
Glüh ich zur Glut empor.

So kann ich nimmer sterben,
Kann nimmer mir entgehn;
Denn um mich zu verderben,
Müßt Gott selbst untergehn.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Wenn der Sturm das Meer umschlinget... von Clemens Brentano

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Wenn der Sturm das Meer umschlinget…“ von Clemens Brentano ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit den Themen Liebe, Tod, Vergänglichkeit und Wiedergeburt. Es präsentiert eine dialektische Sichtweise, in der Gegensätze wie Sturm und Liebe, Tod und Leben, Endlichkeit und Unendlichkeit untrennbar miteinander verbunden sind. Die anfänglichen Strophen beschreiben die Zerstörung durch Naturgewalten und den Tod, die als notwendige Elemente für eine tiefere Erfahrung von Liebe und Leben dargestellt werden. Der Dichter scheint in der Vergänglichkeit des Lebens eine tiefe Wahrheit zu erkennen, die in der Wiedergeburt und der transformierenden Kraft der Liebe ihren Ausdruck findet.

Die zentrale Metapher des Gedichts ist die Metamorphose, das ständige Werden und Vergehen. Das Schiff, das zerschellen muss, um am anderen Ufer zu landen, symbolisiert den Übergang von der Endlichkeit in eine höhere, unsterbliche Existenzform. Die Liebe, die zunächst aus den Sternen auf die Erde herabblickt, wird durch den Tod in den Himmel erhoben, was darauf hindeutet, dass der Tod nicht das Ende, sondern eine Transformation ist. Die letzte Strophe verdeutlicht diese Idee, indem sie die Liebe als ewige Flamme darstellt, die in der Natur und im Dichter selbst weiterlebt. Die Vorstellung, dass das Leben sich in Zyklen wiederholt und aus der Dunkelheit des Todes neues Licht und Leben hervorgeht, ist ein zentrales Motiv.

Brentano verwendet eine Vielzahl von Bildern und Symbolen, um die tiefe Verbundenheit von Gegensätzen auszudrücken. Der Sturm, das Meer und der Tod werden als notwendige Elemente für das Verständnis von Liebe und Leben dargestellt. Die „Geisterküssen“ des Todes lassen die Augen sich schließen, aber gleichzeitig im Himmel aufgehen, was die Verschiebung in eine andere Existenzebene symbolisiert. Das Erscheinen des Frühlings nach dem Winter und die Blumen, die aus den dunklen Rinden hervorsprießen, unterstreichen die Zyklen von Zerstörung und Wiedergeburt, die im Gedicht thematisiert werden.

Der Dichter beschreibt auch die Auflösung des Individuums in einem Zustand der Unendlichkeit. Er möchte kein Einzelner mehr sein und verschmilzt mit der Welt, in der seine Liebe überall gegenwärtig ist. Diese Vorstellung erinnert an mystische Traditionen, in denen die Vereinigung mit dem Göttlichen das höchste Ziel darstellt. Die Wiedergeburt aus dem Liebes-Schoß zeigt die unendliche Natur des Lebens, die sich in ständiger Wandlung und Verwandlung manifestiert. Die Verwendung von starken Bildern wie „Ich sinke ewig unter, Und steige ewig auf“ unterstreicht die ständige Transformation des Selbst, der mit dem Kreislauf der Natur verbunden ist.

Insgesamt ist das Gedicht eine Feier der Liebe, die über den Tod hinaus Bestand hat und eine Botschaft der Hoffnung und Erneuerung vermittelt. Es zeigt, dass das Leben ein ewiger Kreislauf ist, in dem Zerstörung und Wiedergeburt, Tod und Leben, untrennbar miteinander verbunden sind. Brentano gelingt es, mit seinen bildhaften Beschreibungen und tiefgründigen Metaphern eine spirituelle Reise zu entwerfen, die den Leser dazu anregt, über die Natur des Lebens, des Todes und der ewigen Liebe nachzudenken. Die abschließende Aussage, dass das Leben sich selbst in der Natur durch die Flamme der Liebe entzündet, ist ein starkes Bekenntnis zur Unsterblichkeit.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.