Weltseele
1749Verteilet euch nach allen Regionen Von diesem heil′gen Schmaus! Begeistert reißt euch durch die nächsten Zonen Ins All und füllt es aus!
Schon schwebet ihr in ungemeßnen Fernen Den sel′gen Göttertraum Und leuchtet neu, gesellig, unter Sternen Im lichtbesäten Raum.
Dann treibt ihr euch, gewaltige Kometen, Ins Weit′ und Weitr′ hinan. Das Labyrinth der Sonnen und Planeten Durchschneidet eure Bahn.
Ihr greifet rasch nach ungeformten Erden Und wirket schöpfrisch jung, Daß sie belebt und stets belebter werden, Im abgemeßnen Schwung.
Und kreisend führt ihr in bewegten Lüften Den wandelbaren Flor Und schreibt dem Stein in allen seinen Grüften Die festen Formen vor.
Nun alles sich mit göttlichem Erkühnen Zu übertreffen strebt; Das Wasser will, das unfruchtbare, grünen, Und jedes Stäubchen lebt.
Und so verdrängt mit liebevollem Streiten Der feuchten Qualme Nacht! Nun glühen schon des Paradieses Weiten In überbunter Pracht.
Wie regt sich bald, ein holdes Licht zu schauen, Gestaltenreiche Schar, Und ihr erstaunt auf den beglückten Auen Nun als das erste Paar,
Und bald verlischt ein unbegrenztes Streben Im sel′gen Wechselblick. Und so empfangt mit Dank das schönste Leben Vom All ins All zurück.
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Interpretation
Das Gedicht "Weltseele" von Johann Wolfgang von Goethe thematisiert die allumfassende und schöpferische Kraft einer göttlichen oder kosmischen Seele, die das Universum durchdringt und belebt. Die Weltseele verteilt sich nach einem heiligen Mahl in alle Regionen und inspiriert die Natur, sich zu entfalten und zu erweitern. Sie durchflutet den Raum mit Licht und Energie und bewegt sich als gewaltige Kometen durch das Labyrinth der Sonnen und Planeten. Die Weltseele greift nach ungeformten Welten und wirkt schöpferisch jung, um sie zu beleben und in geordneten Bahnen zu führen. Sie bestimmt die Formen der Natur und regt alles an, sich zu übertreffen und zu entwickeln. Die Weltseele treibt die Natur an, sich zu vermehren und zu diversifizieren. Sie lässt das Wasser grünen und verleiht selbst dem kleinsten Staubkorn Leben. Durch liebevolles Streben verdrängt sie die dunkle Nacht und lässt die Weiten des Paradieses in überbunter Pracht erstrahlen. Die Weltseele regt eine Schar von Gestalten an, sich zu formen und zu entwickeln, bis sie schließlich als erstes Paar auf den beglückten Auen erscheinen. Doch bald verlischt das unbegrenzte Streben im seligen Wechselblick der Liebenden. Am Ende empfängt das All mit Dank das schönste Leben vom All zurück, was auf eine zyklische Natur des Lebens und der Schöpfung hindeutet. Goethes "Weltseele" ist ein pantheistisches Gedicht, das die Einheit von Gott und Natur feiert. Die Weltseele wird als eine allgegenwärtige Kraft dargestellt, die das Universum durchdringt und belebt. Sie ist die Quelle allen Lebens und aller Bewegung und treibt die Natur zur Entfaltung und zum Wachstum an. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Ehrfurcht vor der Schönheit und Vielfalt der Natur und betont die Verbundenheit allen Lebens. Es ist ein Lobgesang auf die schöpferische Kraft der Natur und die unendliche Vielfalt des Lebens.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- In überbunter Pracht
- Hyperbel
- Ihr greifet rasch nach ungeformten Erden
- Metapher
- Vom All ins All zurück
- Personifikation
- Und jedes Stäubchen lebt