Weltgeheimnis

Hugo von Hofmannsthal

1874

Der tiefe Brunnen weiß es wohl, Einst waren alle tief und stumm, Und alle wußten drum.

Wie Zauberworte, nachgelallt Und nicht begriffen in den Grund, So geht es jetzt von Mund zu Mund.

Der tiefe Brunnen weiß es wohl; In den gebückt, begriffs ein Mann, Begriff es und verlor es dann.

Und redet’ irr und sang ein Lied - Auf dessen dunklen Spiegel bückt Sich einst ein Kind und wird entrückt.

Und wächst und weiß nicht von sich selbst Und wird ein Weib, das einer liebt Und - wunderbar wie Liebe gibt!

Wie Liebe tiefe Kunde gibt! - Da wird an Dinge, dumpf geahnt, In ihren Küssen tief gemahnt…

In unsern Worten liegt es drin, So tritt des Bettlers Fuß den Kies, Der eines Edelsteins Verlies.

Der tiefe Brunnen weiß es wohl, Einst aber wußten alle drum, Nun zuckt im Kreis ein Traum herum.

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Illustration zu Weltgeheimnis

Interpretation

Das Gedicht "Weltgeheimnis" von Hugo von Hofmannsthal beschreibt ein tiefes, mystisches Wissen, das einst allen Menschen zugänglich war, aber nun verloren gegangen ist. Der tiefe Brunnen symbolisiert dieses Wissen, das einst in den Menschen tief verwurzelt war und sie in Stille und Weisheit vereinte. Doch im Laufe der Zeit wurde dieses Wissen zu einem leeren Echo, das von Mund zu Mund weitergegeben wird, ohne dass die Menschen seinen wahren Sinn verstehen. Das Gedicht schildert den Verlust dieses Wissens durch die Geschichte eines Mannes, der sich einst in den Brunnen bückte und das Geheimnis begriff, es aber wieder verlor. Sein verwirrtes Reden und sein Lied führten dazu, dass ein Kind, das sich später in den Spiegel des Brunnens bückte, in eine andere Welt entrückt wurde. Dieses Kind wächst heran, wird zu einer Frau, die liebt und von der Liebe tiefes Wissen erhält. Die Liebe wird als ein Schlüssel dargestellt, der die Menschen an dumpf geahnte Dinge erinnert und in ihren Küssen tiefere Wahrheiten offenbart. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass dieses verborgene Wissen noch immer in unseren Worten und im Alltäglichen vorhanden ist. Wie ein Bettler, der auf Kies tritt, ohne zu wissen, dass er auf das Verlies eines Edelsteins tritt, so sind auch die Menschen oft blind für die tieferen Bedeutungen, die in ihrem Leben verborgen liegen. Das Gedicht schließt mit der Wiederholung des Anfangsgedankens, dass der tiefe Brunnen das Geheimnis noch immer kennt, aber nun nur noch ein Traum im Kreis zuckt, der die Menschen umgibt.

Schlüsselwörter

tiefe weiß brunnen einst alle tief wußten drum

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Der tiefe Brunnen weiß es wohl
Anapher
Der tiefe Brunnen weiß es wohl
Bildlichkeit
Auf dessen dunklen Spiegel bückt Sich einst ein Kind und wird entrückt
Enjambement
In unsern Worten liegt es drin, So tritt des Bettlers Fuß den Kies
Hyperbel
Und - wunderbar wie Liebe gibt!
Kontrast
Einst waren alle tief und stumm, Und alle wußten drum
Metapher
So tritt des Bettlers Fuß den Kies, Der eines Edelsteins Verlies
Personifikation
Der tiefe Brunnen weiß es wohl
Symbolik
Der tiefe Brunnen
Wiederholung
Der tiefe Brunnen weiß es wohl