Ich warf eine Rose ins Meer,
eine blühende Rose ins grüne Meer.
Und weil die Sonne schien, Sonne schien,
sprang das Licht hinterher,
mit hundert zitternden Zehen hinterher.
Als die erste Welle kam,
wollte die Rose, meine Rose, ertrinken.
Als die zweite sie sanft auf ihre Schultern nahm,
mußte das Licht, das Licht ihr zu Füßen sinken.
Da faßte die dritte sie am Saum,
und das Licht sprang hoch, zitternd hoch, wie zur Wehr;
aber hundert tanzende Blütenblätter
wiegten sich rot, rot, rot um mich her,
und es tanzte mein Boot,
und mein Schatten auf dem Schaum,
und das grüne Meer, das Meer – –
Wellentanzlied
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Wellentanzlied“ von Richard Dehmel beschreibt einen intensiven Moment der Verschmelzung von Schönheit, Licht und Natur. Der Sprecher wirft eine Rose ins Meer, was den Beginn eines poetischen Spiels markiert. Die Sonne scheint und wirft ihr Licht auf die Szenerie, wodurch das Licht geradezu hinterher „springt“, wie es im Gedicht heißt. Dieses Bild erzeugt eine lebendige, fast personifizierte Interaktion zwischen dem Licht und der Rose, die durch die Wellenbewegung und die Farben des Meeres intensiviert wird.
Die Wellen spielen eine zentrale Rolle in der Entwicklung des Gedichts. Zunächst droht die Rose zu ertrinken, doch dann nimmt die zweite Welle sie auf ihre „Schultern“. Dies deutet auf eine sanfte, tröstende Interaktion hin. Das Licht, das die Szene bis dahin beleuchtet hatte, scheint zu erliegen und sinkt der Rose zu Füßen. Der Tanz beginnt mit der dritten Welle, die die Rose „am Saum“ fasst. Hier zeigt sich das Spiel der Elemente in voller Pracht: Das Licht „springt hoch“, scheinbar als Abwehr, während die Blütenblätter in einem roten Tanz sich um den Sprecher wiegen.
Die Verwendung von Farben und Bewegung erzeugt ein sinnliches, fast ekstatische Bild. Das „rot, rot, rot“ der Blütenblätter und das „grüne Meer“ beschreiben eine lebhafte, farbenfrohe Szene. Das Boot des Sprechers beginnt zu tanzen, ebenso wie sein Schatten auf dem Schaum, wodurch eine allumfassende Verbundenheit zwischen Mensch, Natur und Licht entsteht. Der Tanz wird zu einem Ausdruck von Freude und Einheit, in dem die Grenzen zwischen den Elementen verschwimmen.
Das „Wellentanzlied“ ist mehr als nur eine Beschreibung der Natur; es ist eine Metapher für die Auflösung von Grenzen und die Erfahrung von Schönheit. Durch das Werfen der Rose und die Beobachtung der anschließenden Reaktionen erzeugt Dehmel ein Gefühl der Sehnsucht und des Einsseins. Die Rose, das Licht und die Wellen interagieren, um ein Gefühl von Harmonie und Ekstase hervorzurufen, das den Leser in seinen Bann zieht. Die letzten Worte „und das grüne Meer, das Meer – -“ lassen Raum für eine eigene Interpretation und lassen die Leser in der Erfahrung des Tanzes und der Schönheit verweilen.
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Lizenz und Verwendung
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