Welcher Frevel…
Welcher Frevel, Freund! Abtrünnig
Wirst du deiner fetten Hanne,
Und du liebst jetzt jene spinnig
Dürre, magre Marianne!
Läßt man sich vom Fleische locken,
Das ist immer noch verzeihlich;
Aber Buhlschaft mit den Knochen,
Diese Sünde ist abscheulich!
Das ist Satans böse Tücke,
Er verwirret unsre Sinne:
Wir verlassen eine Dicke,
Und wir nehmen eine Dünne!
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Welcher Frevel…“ von Heinrich Heine ist eine bissige und humorvolle Satire auf die unerklärlichen und oft unvernünftigen Entscheidungen, die Menschen in Liebesdingen treffen. Es offenbart mit ironischem Unterton die Widersprüchlichkeit menschlichen Begehrens und die oftmals unlogischen Gründe, warum sich Zuneigung verändert oder in eine neue Richtung lenkt.
Die erste Strophe etabliert einen klaren Kontrast. Der Freund wendet sich von der „fetten Hanne“ ab und wählt stattdessen die „spinnig dürre, magre Marianne“. Heine stellt hier durch die Gegenüberstellung körperlicher Attribute die Oberflächlichkeit und das Paradoxon der Anziehung in den Vordergrund. Die scheinbar bevorzugte Wahl, „Hanne“, wird durch die Adjektive „fett“ beschrieben, wohingegen die neue Geliebte, Marianne, „spinnig dürre“ und „magre“ ist. Dies deutet auf eine Abkehr von traditionellen Schönheitsidealen hin, die durch die Wahl einer weniger ansehnlichen Person repräsentiert wird.
In der zweiten Strophe steigert Heine die Kritik, indem er eine moralische Wertung vornimmt. Die „Buhlschaft mit den Knochen“ wird als „abscheulich“ bezeichnet, was eine übertriebene Reaktion ist und die Absurdität des Vorgangs unterstreicht. Die Verwendung des Wortes „verzeihlich“ in Bezug auf die „fleischliche“ Versuchung deutet darauf hin, dass die Abwendung von der „fetten Hanne“ aus einem körperlichen Begehren vielleicht noch nachvollziehbar wäre. Die Vorliebe für eine magere Person ist jedoch so außergewöhnlich, dass sie als eine Art von moralischer Verfehlung dargestellt wird.
Die abschließende Strophe liefert die Erklärung für das beobachtete Verhalten und führt eine religiöse Metapher ein. Heine schreibt das seltsame Verhalten dem „Satan“ zu, der die „Sinne verwirrt.“ Dies ist ein humorvoller, fast schon trotziger Versuch, die Unverständlichkeit des menschlichen Herzens zu erklären. Die letzte Zeile, „Wir verlassen eine Dicke / Und wir nehmen eine Dünne!“, fasst das Paradoxon pointiert zusammen und lässt den Leser schmunzelnd zurück, da sie die Absurdität der Situation hervorhebt. Die Ironie liegt darin, dass es keine wirkliche Erklärung für die Entscheidung gibt, außer dem Einfluss einer „bösen Tücke“.
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Lizenz und Verwendung
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