Weißt du, ich will mich schleichen
leise aus lautem Kreis,
wenn ich erst die bleichen
Sterne über den Eichen
blühen weiß.
Wege will ich erkiesen,
die selten wer betritt
in blassen Abendwiesen?
und keinen Traum, als diesen:
Du gehst mit.
Weißt du, ich will mich schleichen
leise aus lautem Kreis,
wenn ich erst die bleichen
Sterne über den Eichen
blühen weiß.
Wege will ich erkiesen,
die selten wer betritt
in blassen Abendwiesen?
und keinen Traum, als diesen:
Du gehst mit.

Das Gedicht „Weißt du, ich will mich schleichen“ von Rainer Maria Rilke beschreibt in zarten Worten den Wunsch nach Rückzug und Intimität, der mit einer tiefen Sehnsucht nach der Anwesenheit einer geliebten Person einhergeht. Es ist ein Gedicht der leisen Töne, der sanften Bilder und des stillen Begehrens, das sich in der Natur spiegelt und von ihr inspiriert wird. Die Wahl des Konjunktivs („will mich schleichen“, „will ich erkiesen“) deutet auf einen Wunsch hin, der vielleicht noch nicht ganz realisiert ist, aber doch in aller Deutlichkeit artikuliert wird.
Die Strophen entfalten die Idee des Rückzugs in die Stille und Abgeschiedenheit. Das lyrische Ich möchte sich aus dem „lauten Kreis“ davonschleichen, wenn die Sterne in der Nacht erblühen. Dieses Bild der blühenden Sterne über den Eichen ist von einer fast surrealen Schönheit und symbolisiert den Moment der Stille und der Veränderung, in dem der Rückzug stattfinden soll. Das Wort „bleichen“ verleiht den Sternen eine besondere Note, die von dem zarten Licht der Abenddämmerung und der Nacht erzeugt wird.
Die zweite Strophe konkretisiert den Wunsch nach der Wahl von Wegen, die selten begangen werden. Diese Wege stehen für eine persönliche, intime Erfahrung, die sich dem Trubel der Welt entzieht. Die „blassen Abendwiesen“ verstärken die Atmosphäre der Ruhe und der Kontemplation. Der „Traum“ des lyrischen Ichs ist dabei kein abstrakter Wunsch, sondern die einfache, aber tiefe Sehnsucht nach der Anwesenheit der geliebten Person: „Du gehst mit.“
Der Kern des Gedichts liegt in der Sehnsucht nach der gemeinsamen Erfahrung des Rückzugs und der Stille. Die Natur dient als Kulisse für diese Intimität, als Spiegelbild der inneren Gefühle und als Inspirationsquelle für die Sehnsucht nach dem Anderen. Das Gedicht ist ein zarter Ausdruck der Liebe, die sich in der einfachen Geste des gemeinsamen Gehens und Erlebens manifestiert. Es ist ein Gedicht der Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit, verpackt in die stille Schönheit der Natur.
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