Wein

Peter Hille

1854

Du mein Wein, Adelsblut der Natur, Nicht wahr, du lebst, Du fließendes Juwel? Wenn du dich im Lenz erhebst Und an die Fässer pochst, Willst du hinaus, Unband du, Hinaus zu den Deinen, Die da blühen und innig duften Auf sanfterlesenen Hängen um braunes Gemäuer. Wie’s da rüttelt dein Feuer, Dein Leben! Wie viel Geschlechter hast du schon selig gemacht: Männer mit reinheitstarrenden Ehrenkrausen Auf rankendem, schwarzdamastenem Taft, Du glutetest ihnen die kühnen, hellen Augen, Die weit die Lande umfassen Und folgen den palmenzuwinkenden Schiffen, Wagemutigen Meeresboten, Die den gedankenglutenden Westen, Den süßentzündeten Süden Mit stählernem Norden Tauschen wollen. Du nährst die schwimmende Träne des Mannes, Der allüberwindenden Stärke, Die Träne, die nur Sieger fühlen… Und an die klar gestaltete Glut Deiner rebkrausen Ratskellerfenster, Die tief in die Seele Scheinen festliche Andacht, Schlug das welterobernde Lachen All dieser sieghaft heitern Geschlechter. Du aber throntest Hoch auf mächtigem Rund Deines flüssigen Reiches: Eine bübisch lächelnde, schelmische Sonne.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Wein

Interpretation

Das Gedicht "Wein" von Peter Hille ist eine lyrische Hommage an den Wein, der als "Adelsblut der Natur" bezeichnet wird. Der Wein wird als lebendiges, fließendes Juwel personifiziert, das im Frühling in den Fässern aufbegehrt und sich danach sehnt, zu den Reben auf den sanften Hängen zurückzukehren. Der Dichter beschreibt die vitale Energie des Weins und seine lange Geschichte, die Generationen von Menschen beglückt hat. Hille zeichnet ein lebhaftes Bild von Männern, die vom Wein berauscht wurden und dabei ihre kühnen, hellen Augen leuchten ließen. Diese Männer, oft mit Ehrenkrausen geschmückt, umfassen weite Lande und folgen den Schiffen, die den Westen, den Süden und den Norden verbinden. Der Wein nährt die "schwimmende Träne" des Mannes, eine Träne, die nur Sieger fühlen können, und erhellt die Ratskellerfenster mit einer klaren, festlichen Glut. Das Gedicht endet mit einer eindrucksvollen Metapher: Der Wein thront wie eine "bübisch lächelnde, schelmische Sonne" auf dem mächtigen Rund seines flüssigen Reiches. Diese abschließende Zeile fasst die Verehrung und den Respekt zusammen, den der Dichter dem Wein entgegenbringt, und unterstreicht die zentrale Rolle, die der Wein in der menschlichen Kultur und Geschichte spielt.

Schlüsselwörter

hinaus geschlechter träne wein adelsblut natur wahr lebst

Wortwolke

Wortwolke zu Wein

Stilmittel

Metapher
Eine bübisch lächelnde, schelmische Sonne
Personifikation
Du nährst die schwimmende Träne des Mannes