Weil meine Lieb′ zum Grab gegangen...
1778Weil meine Lieb′ zum Grab gegangen, Und in den starren Blick gesehn, Und an dem stummen Mund gehangen, Muß neu mein Schmerz heut auferstehn.
Im Osten hat mir′s trüb getaget Das freudige, das neue Licht; Die lange Nacht lag ich verzaget, Dein Abschiedswort verstand ich nicht.
Ein Wehelaut, du Herz der Güte, Zwei Augen, die mich angeschaut, Doch was drin flehte, was drin glühte, Das ward mir Armen nicht vertraut.
Du fühltest wie so krank ich scheide, Du edles, mitleidtrunknes Herz, Und gabst erbarmend zum Geleite Den Ton, den Blick, den eignen Schmerz.
Den Blick sah ich wohl vor mir stehen, Die lange bang durchweinte Nacht, Bis ich durch deines Wehlauts Flehen Aus schönem Schlummer früh erwacht.
Da ist dein Schmerz mich wecken kommen, Er legte mir aufs Herz die Hand, Und sprach, du krankes Herz willkommen, Weil heut der Heiland auferstand.
Willkomm, o Schmerz, so sprach ich wieder, Mein Herz ist schwer, das Grab ist leer, Und heiße Tränen sandt ich nieder, Daß Tau auch in dem Garten wär.
Du zeihtest mich, daß viele Freuden Mit andern ich nicht teilen kann, So gib mir Leiden, Leiden, Leiden, So nimm mein Herz zum Mitleid an.
Die Tränen, die so stürzend fließen, Sind nicht auf Felsen aufgesät, Ich weiß, daß Blumen daraus sprießen, Und daß mein Lieben aufersteht.
Ja aufersteht mit allen Wunden Nach langen Qualen lichtverklärt, Wenn alles wieder ist verbunden, Was zu dem Leib des Herrn gehört.
Jetzt da ich hin zum Garten irre, Und in die Felsentale seh, Da sproßt mein Schmerz wie bittre Myrrhe, Da wird mein Herz wie Aloe.
Blind tapp ich an den Felsenwänden Und streue auf dem Grabe aus, Den ich gepflückt von linden Händen, Den schmerzenvollen Blumenstrauß.
Komm mit, komm mit, schenk eine Träne, Den Ton, den Blick, zur Spezerei, Und grüße mit der Magdalene Den Herrn durch einen Jubelschrei. Alleluja!
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Interpretation
Das Gedicht "Weil meine Lieb' zum Grab gegangen" von Clemens Brentano thematisiert die tiefe Trauer des lyrischen Ichs über den Tod seiner Geliebten. Der Sprecher beschreibt, wie er am Grab seiner Liebsten verweilt, ihren starren Blick und den stummen Mund betrachtet und dabei neuer Schmerz in ihm aufsteigt. Die Metapher der Auferstehung wird hier nicht im religiösen Sinne verwendet, sondern bezieht sich auf das Wiederaufleben des Schmerzes beim Anblick des Grabes. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Beziehung zwischen dem lyrischen Ich und seiner verstorbenen Geliebten intensiver geschildert. Die Geliebte wird als "Herz der Güte" und "edles, mitleidtrunknes Herz" charakterisiert, die das Leiden des Sprechers spürt und ihm Trost spendet. Der Sprecher erinnert sich an den Blick und den Laut seiner Liebsten, der ihn aus einem "schönen Schlummer" weckt und ihm sagt, dass er willkommen sei, weil der Heiland auferstanden ist. Diese Stelle deutet auf eine christliche Symbolik hin, bei der der Tod der Geliebten mit der Auferstehung Christi verglichen wird. Im letzten Teil des Gedichts findet der Sprecher einen Weg, mit seinem Schmerz umzugehen. Er begrüßt den Schmerz als einen vertrauten Begleiter und bittet darum, mit Leiden erfüllt zu werden, damit er sein Herz dem Mitleid widmen kann. Die Tränen, die er vergießt, werden als Keim für neues Leben gesehen, aus dem Blumen sprießen und sein Lieben aufersteht. Der Sprecher imaginiert eine Zukunft, in der alles wieder verbunden ist und sein Lieben in lichtverklärter Form zurückkehrt. Das Gedicht endet mit einem Aufruf zur Teilnahme am Schmerz und einem Jubelschrei zu Ehren des Herrn, der an die biblische Geschichte der Maria Magdalena erinnert, die als erste den auferstandenen Christus erblickte.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Den Herrn durch einen Jubelschrei
- Personifikation
- Und in den starren Blick gesehn