Weihnachtabend 1852
1852Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll, Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus. Weihnachten war′s; durch alle Gassen scholl Der Kinderjubel und des Markts Gebraus.
Und wie der Menschenstrom mich fortgespült, Drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr: »Kauft, lieber Herr!« Ein magres Händchen hielt Feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.
Ich schrak empor, und beim Laternenschein Sah ich ein bleiches Kinderangesicht; Wes Alters und Geschlechts es mochte sein, Erkannt ich im Vorübertreiben nicht.
Nur von dem Treppenstein, darauf es saß, Noch immer hört ich, mühsam, wie es schien: »Kauft, lieber Herr!« den Ruf ohn Unterlaß; Doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.
Und ich? - War′s Ungeschick, war es die Scham, Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind? Eh meine Hand zu meiner Börse kam, Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.
Doch als ich endlich war mit mir allein, Erfaßte mich die Angst im Herzen so, Als säß mein eigen Kind auf jenem Stein Und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.
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Interpretation
Das Gedicht "Weihnachtsabend 1852" von Theodor Storm schildert einen nachdenklichen Moment des lyrischen Ichs in einer fremden Stadt an Heiligabend. Die Stimmung ist von Sorgen und Unruhe geprägt, da das Ich an seine Kinder zu Hause denkt, während um ihn herum der festliche Trubel des Weihnachtsmarktes tobt. In der zweiten Strophe wird die Begegnung mit einem armen Bettelkind beschrieben, das dem Ich ein Spielzeug zum Kauf anbietet. Das Kind wird als mager und mit einem bleichen Gesicht dargestellt, was seine Not und Armut verdeutlicht. Das Ich ist zunächst erschrocken über die Situation und kann das Alter und Geschlecht des Kindes nicht erkennen. In der dritten Strophe reflektiert das Ich über sein eigenes Verhalten und fragt sich, warum es nicht gehandelt hat, um dem Kind zu helfen. Es fragt sich, ob es an Ungeschick oder Scham lag, dass es nicht zu seiner Börse griff. Das Stimmchen des Kindes verhallt im Wind, als das Ich weitergeht. Im letzten Vers findet das Ich zu sich selbst und wird von Angst ergriffen. Es stellt sich vor, dass sein eigenes Kind auf jenem Stein sitzen und nach Brot schreien könnte, während es selbst entflieht. Diese innere Zerrissenheit und das schlechte Gewissen lassen das Ich erkennen, dass es in einer ähnlichen Situation auch auf Hilfe angewiesen wäre.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- mühsam, wie es schien
- Anapher
- »Kauft, lieber Herr!«
- Metapher
- Und wie der Menschenstrom mich fortgespült
- Personifikation
- Der Kinderjubel und des Markts Gebraus
- Vergleich
- Als säß mein eigen Kind auf jenem Stein