Weihnacht

Gustav Falke

1853

In diesen Wochen heimlich aufgeblüht, Des Kinderglaubens zarte Wunderblume - Der keusche Kelch, wie lieblich er erglüht. Ich knie vor dem vergeßnen Heiligtume In holder Scheu, wie einst der Knabe, nieder Und atme solche Segensdüfte wieder Mit durstendem Gemüt Und allen süßen Schauern ein.

Kein Laut von außen soll mich stören Und kein Gedanke fremder Scham, Dir reinen Herzens, kindlich zu gehören. Ich lausch, durchs Wolkentor, den heiligen Himmelschören, Dem Engelsgruß, der zu den Hirten kam, Ich seh das Kreuz, vernehm des Heilands Stimme, Und seh sein Blut, das auf die schlimme, Die arge Welt wie lauter Rosen taut: Ich sterb für dich, du meine süße Braut.

Kniet, Stolz und Trotz, die Stirne tief geneigt, All euer Prahlen thront auf toten Grüften, Daraus kein Hauch des ewigen Lebens steigt. Hier badet euch in diesen holden Düften: Dies zarte Blümlein, weiß und schlicht, Es birgt in seinem Kelch das Licht, Das alles Leuchten dieser Welt Mit seinem Glänzen überhellt. So hoch ihr steigt, von Schein zu Schein, Das letzte Licht, es wird ein Wunder sein.

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Illustration zu Weihnacht

Interpretation

Das Gedicht "Weihnacht" von Gustav Falke beschreibt die tiefe emotionale und spirituelle Erfahrung des Erzählers während der Weihnachtszeit. Die "zarte Wunderblume" des Kinderglaubens blüht erneut auf und weckt in ihm eine kindliche, reine Andacht. Der Erzähler kniet vor dem vergessenen Heiligtum nieder und atmet die Segensdüfte ein, die mit süßen Schauern einhergehen. Diese Szene vermittelt eine Rückkehr zu einer unschuldigen, gläubigen Haltung, die von äußeren Störungen und weltlichen Schamgefühlen unberührt bleibt. In der zweiten Strophe vertieft sich die spirituelle Erfahrung des Erzählers. Er lauscht den himmlischen Chören und dem Engelsgruß, der zu den Hirten kam. Er sieht das Kreuz und hört die Stimme des Heilands, dessen Blut wie reine Rosen auf die sündige Welt herabtaut. Die Worte "Ich sterb für dich, du meine süße Braut" verdeutlichen die tiefe, liebevolle Verbindung zwischen dem Erzähler und dem Göttlichen, die durch das Opfer Christi symbolisiert wird. Die letzte Strophe richtet sich an Stolz und Trotz, die ihre Stirn tief geneigt haben sollen. Der Erzähler betont, dass all ihr Prahlen auf toten Grüften thront, aus denen kein Hauch des ewigen Lebens steigt. Er lädt sie ein, in den holden Düften zu baden und weist auf das zarte Blümlein hin, das in seinem Kelch das Licht birgt, das alles Leuchten dieser Welt überstrahlt. Die Schlusszeilen verdeutlichen, dass selbst der höchste Schein am Ende ein Wunder sein wird, wenn man das wahre Licht erkennt.

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Stilmittel

Bildsprache
Ich seh das Kreuz, vernehm des Heilands Stimme
Hyperbel
Das letzte Licht, es wird ein Wunder sein
Metapher
Des Kinderglaubens zarte Wunderblume
Symbolik
Das zarte Blümlein, weiß und schlicht
Vergleich
Wie einst der Knabe