Weihnacht in Ajaccio

Conrad Ferdinand Meyer

1882

Reife Goldorangen fallen sahn wir heute, Myrte blühte, Eidechs glitt entlang der Mauer, die von Sonne glühte.

Uns zu Häupten neben einem morschen Laube flog ein Falter - Keine herbe Grenze scheidet Jugend hier und Alter.

Eh das welke Blatt verweht ist, wird die Knospe neu geboren - Eine liebliche Verwirrung, schwebt der Zug der Horen.

Sprich, was träumen deine Blicke? Fehlt ein Winter dir, ein bleicher? Teures Weib, du bist um einen lichten Frühling reicher!

Liebst du doch die langen Sonnen und die Kraft und Glut der Farben! Und du sehnst dich nach der Heimat, wo sie längst erstarben?

Horch! durch paradieseswarme Lüfte tönen Weihnachtsglocken! Sprich, was träumen deine Blicke? Von den weißen Flocken?

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Illustration zu Weihnacht in Ajaccio

Interpretation

Das Gedicht "Weihnacht in Ajaccio" von Conrad Ferdinand Meyer schildert eine Szene in der mediterranen Stadt Ajaccio, wo der Erzähler und eine Frau einen milden Wintertag verbringen. Die Natur zeigt sich in voller Pracht: goldene Orangen reifen, Myrten blühen und Eidechsen sonnen sich an den Mauern. Ein Falter fliegt vorbei, und es gibt keine klare Trennung zwischen Jugend und Alter, da Knospen und welke Blätter nebeneinander existieren. Die Frau blickt träumerisch in die Ferne, und der Erzähler fragt sich, ob ihr ein Winter fehlt, ein bleicher und kalter. Er deutet an, dass sie um einen lichten Frühling reicher ist, da sie die langen Sonnen und die Kraft der Farben liebt. Doch gleichzeitig sehnt sie sich nach der Heimat, wo diese Farben längst erloschen sind. Der Erzähler hört Weihnachtsglocken durch die warme Luft tönen und fragt erneut, ob sie von den weißen Flocken träumt, die in ihrer Heimat den Winter bedeuten. Das Gedicht thematisiert den Kontrast zwischen der mediterranen und der mitteleuropäischen Weihnacht. Ajaccio, die Geburtsstadt Napoleons, steht für mediterranes Klima und Kultur, während die weißen Flocken, die die Frau träumt, auf eine schneereiche Weihnacht in der Heimat anspielen. Der Erzähler versucht, die Frau davon zu überzeugen, dass sie in Ajaccio einen lichten Frühling gewonnen hat, da sie die langen Sonnen und die Kraft der Farben liebt. Doch ihre Sehnsucht nach der Heimat, wo die Farben längst erloschen sind, bleibt bestehen. Das Gedicht vermittelt eine melancholische Stimmung, da die Frau trotz der Schönheit der mediterranen Landschaft an ihre Heimat denkt und sich nach einer traditionellen Weihnacht sehnt. Die Sprache des Gedichts ist bildhaft und sinnlich. Meyer verwendet Metaphern wie "Reife Goldorangen" und "Myrte blühte", um die mediterrane Atmosphäre zu evozieren. Die Wiederholung der Frage "Sprich, was träumen deine Blicke?" unterstreicht die Neugier des Erzählers und die innere Zerrissenheit der Frau. Der Kontrast zwischen den warmen Farben und der Kälte der weißen Flocken verstärkt die emotionale Wirkung des Gedichts. Insgesamt vermittelt "Weihnacht in Ajaccio" eine tiefere Bedeutungsebene, indem es die menschliche Sehnsucht nach Vertrautheit und Tradition in einer fremden Umgebung thematisiert.

Schlüsselwörter

sprich träumen blicke reife goldorangen fallen sahn heute

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Stilmittel

Bildsprache
Eidechs glitt entlang der Mauer, die von Sonne glühte
Frage
Sprich, was träumen deine Blicke? Von den weißen Flocken?
Hyperbel
Teures Weib, du bist um einen lichten Frühling reicher
Kontrast
Liebst du doch die langen Sonnen und die Kraft und Glut der Farben! Und du sehnst dich nach der Heimat, wo sie längst erstarben?
Metapher
Eh das welke Blatt verweht ist, wird die Knospe neu geboren
Onomatopoesie
Horch! durch paradieseswarme Lüfte tönen Weihnachtsglocken
Personifikation
schwebt der Zug der Horen
Symbolik
Keine herbe Grenze scheidet Jugend hier und Alter