O Weihestunde!
O köstliche Stunde!
Sanft küßt die Nacht,
Die vielholde Trösterin,
Die tagmüde Erde.
Und mählich verhallen
Im ewigen Schweigen
Die Stimmen des Lebens …
Immer lichter umwebt
Die erstorbenen Auen,
Des Mondes fluthender
Silberschleier.
Mild grüßen hernieder
Die ewigen Sterne –
Lautlos wogt
Der wortlose Zauber
Unendlicher Ruhe.
Nur manchmal
Flüstert’s und raunt’s
Im üppigen Laube;
Wie in Geisterumarmung
Erschauern jählings
Die Bäume und Sträucher,
Als wollten sie künden
Die ewigen Räthsel,
Die da walten von Urbeginn
In Höhen und Tiefen …
Wie Erlösung umspinnt
Die qualdüst’ren Sinne
Süßes Märchenvergessen.
Eingewiegt von der Sphären
Leisrauschenden Hymnen,
Umspielt vom Traumodem
Der wonnesam schlummernden
Allmutter Natur
Trink‘ auch ich
Unaussprechlicher Inbrunst voll
Gottseligen Frieden,
Glück ohne Ende …
In der Mainacht Duftthau.
Im ewigen Hauche
Ersterben des Leibes
Fiebernde Pulse.
Mit Sternen und Welten
Wall‘ ich entgegen
Dem dämmernden Morgen.
Weihestunde
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Weihestunde“ von Wilhelm Arent ist eine feierliche Ode an die Nacht und die damit verbundene Ruhe und Erlösung. Es beschreibt eine Atmosphäre tiefer Stille und Kontemplation, in der die Grenzen zwischen der irdischen und der spirituellen Welt verschwimmen. Das Gedicht beginnt mit einer Anrufung der „Weihestunde“ und der „köstlichen Stunde“, wodurch ein feierlicher Ton gesetzt und die besondere Bedeutung dieser Zeit hervorgehoben wird. Die Nacht, als „vielholde Trösterin“, wird als Beschützerin der „tagmüden Erde“ dargestellt, die sanft ihren Kuss empfängt.
Die zweite Hälfte des Gedichts konzentriert sich auf die Erfahrung des lyrischen Ichs in dieser nächtlichen Umgebung. Die Natur wird lebendig dargestellt, mit Bäumen und Sträuchern, die in „Geisterumarmung“ erschauern, als würden sie die „ewigen Räthsel“ der Schöpfung enthüllen wollen. Dieser Moment der Ehrfurcht wird gefolgt von der Erfahrung der Erlösung und des Vergessens, die durch den „süßen Märchenvergessen“ ausgedrückt wird. Das lyrische Ich wird durch die „Sphären / Leisrauschenden Hymnen“ und den „Traumodem“ der Natur in einen Zustand tiefster Ruhe und Glückseligkeit versetzt.
Der Kern des Gedichts liegt in der Verschmelzung von Natur, Spiritualität und dem Erleben des lyrischen Ichs. Das Gedicht ist reich an Metaphern und Bildern, wie dem „Silberschleier“ des Mondes, den „ewigen Sternen“ und dem „Duftthau“ der Mainacht, die dazu beitragen, eine Atmosphäre von Mystik und Frieden zu erzeugen. Das lyrische Ich trinkt „Unaussprechlicher Inbrunst voll / Gottseligen Frieden“ und erlebt „Glück ohne Ende“. Dies deutet auf eine tiefe religiöse oder spirituelle Erfahrung hin, die durch die Begegnung mit der Natur und der Stille der Nacht ausgelöst wird.
Das Gedicht gipfelt in einer Vision der Transzendenz. Das lyrische Ich scheint sich von der irdischen Welt zu lösen, während es im „ewigen Hauche“ des Todes die „fiebernden Pulse“ des Leibes sterben lässt und sich „mit Sternen und Welten“ dem „dämmernden Morgen“ entgegenbewegt. Dieses Ende lässt sich als eine Vorwegnahme des Todes interpretieren, als ein Eintritt in einen Zustand ewiger Ruhe und vielleicht sogar der Vereinigung mit dem Göttlichen. Das Gedicht ist somit ein Lobgesang auf die Nacht und eine Betrachtung der menschlichen Sehnsucht nach Erlösung und Unendlichkeit.
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