Weihe

Louise Franziska Aston

1830

Ja, ihr les′t in meinen Blicken Keine Sternenschrift der Seligkeit! Denn dies Aug′ hat das Entzücken Schon verlernt seit langer, langer Zeit. Mahnend spricht es nur von Opfertod, Von bewegtem Schicksalspiele, Von dem Schiffbruch glühender Gefühle, Von des Daseins ganzer voller Noth! Doch in dem verzweiflungsvollsten Ringen Bin ich klar mir und bewußt. Keine fremde Macht darf mich bezwingen, Selbst im Schmerz ist frei die Brust! - Eine Priest′rinn steh′ ich am Altare, Und mein Liebstes opf′r ich hin, Thränenlos an seiner Todtenbahre; Thränenlos in stolzem Sinn. Hab′ ich selber doch heraufbeschworen Auf mein Haupt der Wetter Wuth! Habe mir zum Freier auserkoren Den Verderber mit der wilden Glut! Ihn, des Sturmes feurigen Genossen: Den Gedanken mit den Blitzgeschossen! So beschwor der Heiden Priesterin, Schmachtend nach des Himmels sel′gem Sitze, Auf ihr Haupt in todesmuth′gem Sinn Nieder die verderbenschwangern Blitze: Um, vermählt in Sturmeswettern, Aufzusteigen zu den ew′gen Göttern!

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Illustration zu Weihe

Interpretation

Das Gedicht "Weihe" von Louise Franziska Aston handelt von einer selbstgewählten Opferbereitschaft und der Hingabe an ein höheres Ziel, das mit Schmerz und Verzweiflung verbunden ist. Die Sprecherin, die als "Priesterrin" bezeichnet wird, steht am Altar und opfert ihr "Liebstes" ohne Tränen, in einem stolzen und selbstbewussten Geist. Sie hat sich selbst dazu entschlossen, den "Verderber" mit seiner "wilden Glut" als Freier zu wählen und sich den "Sturmeswettern" auszusetzen, um zu den "ew'gen Göttern" aufzusteigen. Die erste Strophe des Gedichts beschreibt die Augen der Sprecherin, die nicht mehr von Glück und Entzücken erfüllt sind, sondern von den Erfahrungen des Leidens und der Verzweiflung zeugen. Die Augen sprechen von Opfertod, Schicksalspiel, Schiffbruch der Gefühle und der Not des Daseins. Trotzdem ist die Sprecherin sich selbst bewusst und lässt sich nicht von fremden Mächten bezwingen, selbst im Schmerz bleibt ihre Brust frei. In der zweiten Strophe wird die Rolle der Sprecherin als "Priesterrin" am Altar deutlich. Sie opfert ihr "Liebstes" ohne Tränen, in einem stolzen und selbstbewussten Geist. Sie hat sich selbst dazu entschlossen, den "Verderber" mit seiner "wilden Glut" als Freier zu wählen und sich den "Sturmeswettern" auszusetzen, um zu den "ew'gen Göttern" aufzusteigen. Die Sprecherin vergleicht sich mit einer heidnischen Priesterin, die sich selbst den Blitz und Donner auf den Kopf beschworen hat, um in den Himmel aufzusteigen. Das Gedicht "Weihe" von Louise Franziska Aston ist ein Ausdruck der romantischen Begeisterung für das Erhabene und das Unendliche. Die Sprecherin sucht die Vereinigung mit dem Göttlichen durch die Erfahrung von Schmerz und Leid, die sie als notwendigen Teil des Lebens akzeptiert. Das Gedicht ist auch ein Ausdruck der weiblichen Selbstermächtigung, da die Sprecherin ihre eigene Rolle als Opferin und Priesterin selbst wählt und ausführt.

Schlüsselwörter

keine langer thränenlos sinn haupt gem les blicken

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Stilmittel

Metapher
Ew′gen Göttern
Personifikation
Mahnend spricht es nur von Opfertod