Weihe

Stefan George

1868

Hinaus zum strom! wo stolz die hohen rohre Im linden winde ihre fahnen schwingen Und wehren junger wellen schmeichelchore Zum ufermoose kosend vorzudringen.

Im rasen rastend sollst du dich betäuben Am starken urduft, ohne denkerstörung. So dass die fremden hauche all zerstäuben. Das auge schauend harre der erhörung.

Siehst du im takt des strauches laub schon zittern Und auf der glatten fluten dunkelglanz Die dünne nebelmauer sich zersplittern? Hörst du das elfelied zum elfentanz?

Schon scheinen durch der zweige zackenrahmen Mit sternenstädten selige gefilde. Der zeiten flug verliert die alten namen Und raum und dasein bleiben nur im bilde.

Nun bist du reif, nun schwebt die herrin nieder, Mondfarbne gazeschleier sie umschlingen. Halboffen ihre traumesschweren lider Zu dir geneigt die segnung zu vollbringen:

Indem ihr mund auf deinem antlitz bebte Und sie dich rein und so geheiligt sah Dass sie im kuss nicht auszuweichen strebte Dem finger stützend deiner lippe nah.

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Illustration zu Weihe

Interpretation

Das Gedicht "Weihe" von Stefan George handelt von einer mystischen Erfahrung, die der Sprecher in der Natur macht. Er begibt sich an einen Fluss, wo hohe Schilfrohre im Winde ihre Fahnen schwingen und junge Wellen am Ufer gehalten werden. Im Gras liegend lässt er sich von dem starken Duft berauschen und wartet mit offenen Augen auf eine Offenbarung. Dann beginnt eine Verwandlung. Der Sprecher sieht im Takt des Strauches das Laub zittern und auf der glatten Flut den dunklen Glanz. Eine dünne Nebelmauer zersplittert und er hört ein Elfenlied zum Elfen Tanz. Durch die Zacken der Zweige erscheinen lichte Gefilde mit Sternenstädten. Zeit und Raum verlieren ihre Bedeutung und existieren nur noch als Bild. Schließlich kommt die Herrin herab, eine mondfarbene Gestalt in Gaze-Schleiern. Mit halboffenen, traumesschweren Lidern neigt sie sich zu dem Sprecher, um ihn zu segnen. In einem zitternden Kuss berührt ihr Mund sein Gesicht. Sie sieht ihn rein und geheiligt und will ihm nicht ausweichen, sondern stützt mit dem Finger seine Lippe.

Schlüsselwörter

hinaus strom stolz hohen rohre linden winde fahnen

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Stilmittel

Alliteration
stolz die hohen rohre
Bildsprache
Mit sternenstädten selige gefilde
Enjambement
Hinaus zum strom! wo stolz die hohen rohre Im linden winde ihre fahnen schwingen
Hyperbel
die dünne nebelmauer sich zersplittern
Metapher
Mondfarbne gazeschleier sie umschlingen
Parallelismus
Halboffen ihre traumesschweren lider Zu dir geneigt die segnung zu vollbringen
Personifikation
Im linden winde ihre fahnen schwingen
Symbolik
der elfentanz